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Jüdische Turn- und Sportzeitung · 1920-01-01 · 3 (1920) · p. [Seite]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Turn- und Sportzeitung
Volume
21 (1920)
Issue
3 (1920)
Date
1920-01-01
Page
[Seite] (sequence 20)
Language
German
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20 für ein gesundes und unverborbenes Empfinden. Nur muss man ihr Volkskunst nicht Feuer fangen will, so spricht das ohne weiteres für ein gesundes und unverdorbenes Empfinden. Nur muss man ihr sagen, dass sie bei dieser Ablehnung des Kitsches nicht stehen bleiben, nicht glauben darf, damit sei die Angelegenheit des jüdischen Volksliedes für sie erledig. Hier beginnt vielmehr erst ihre Aufgabe,, die darin besteht, den echten und gültigen Dingen näher zu kommen. Es war eine Entdeckung von seltener Tragweite als die russischjüdischen Forscher Ginzburg und Marek im Jahre 1901 der überraschten Oeffentlichkeit eine Sammlung von 376 jüdischen Volksliedern vorlegten. Natürlich war es bis dahin nicht im ganzen verborgen «ablieben, dass zwischen den jüdischen Volksmassen Lieder besonderer Art gesungen wurden; aber im K u 11 u r b e w u s s ts ein der Ostjuden und; besonders in der offiziellen Oeffentlichkeit war von einer Kenntnis oder gar von einer liebevollen Pflege dieser Dinge kaum eine Spur anzutreffen. Der in seiner seelischen Ganzheit gebrochene von hunderterlei Geschäften und Zwecken gejagte bürgerliche Mensch hat ja allenthalben in Europa die Fähigkeit verloren, sich für die gültigen zeitlosen Schöpfungen der primitiven Volksmassen den innerlichen Sinn rein und unverdorben zu bewahren. In Deutschland singt er noch immer begeistert die öden und dummen Machwerke die ihm von geschäftskundigen Operettenfabrikanten geliefert werden, und selbst im letzten Dorf kommt sich der Bauer, einstmals ein stolzer Bewahrer alten Volksguts, Gott weiss wie gebildet und fortgeschritten vor, wenn er an diesen kitschigen Dingen Anteil hat Die1 Auflehnung gegen diese zunehmende Verrohung, die Selbstbesinnung, die aus den Kreisen des Wandervogels und der Jugendbewegung herkam und hier zu einem ernsthafteren Werben um das alte Volkslied und zu einer bewussten Ablehnung der Verfälschungen führte, war viel zu eng auf den Umkreis der eigenen Anhänger beschränkt und zu schwach, um eine nennenswerte Besserung zu erzwingen. Wenn diese Verhältnisse im ostjüdischen Kulturleben nicht ganz so verzweifelt und für eine neue Pflege des Volkslieds ein wenig gunstiger zu sein scheinen, so liegt das vor allein übrigen, das hier zu nennen wäre, wofil daran, dass der jüdischen Gemeinschaft in Ihren primitiven und mittleren Schichten noch immer eine Kraft der seelischen Unmittelbarkeit, des Ueberschwangs und der Verbundenheit mit dem Religiösen und Immateriellen innewohnt, die ich als typische Erscheinung in dem stufengeschichtlich ältlicheren Westeuropa nicht mehr vorfinde. Hätten die Intellektuellen nicht in Scharen den Volksmassen den Rucken gekehrt, hätten sie mit ihrer ganzen Persönlichkeit, durch eigenes Beispiel und positive kulturpolitische Massnahmen kämpfend in der judischen Gasse ausgeharrt und das an Zahl kleine Häuflein der Kämpfer für eine geläuterte und organisch sich entfaltende Volks-

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