Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Journal
- Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Volume
- 20 (1919)
- Issue
- 11 (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/6492385-5965061-5965394--278-4923193- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
4 Die Forderung, Idealismus zu leben und nicht nur zu predigen, ist uralt und urjüdisch. Auch der jüdische Nationalismus hatte von je eine ausgesprochen idealistische Prägung im Gegensatz zu den Nationalismen anderer Völker, die das Wohlergehen und die äussere Macht des eigenen Volkes, also vorwiegend materielle1 Motive, in den Vordergrund stellen. Der jüdische Nationalismus war so ausgesprochen idealistisch, dass das jüdische Volk jahrhundertelang lediglich als wesentlich vom religiösen Inhalt gekennzeichnete, als rein geistige Gemeinschaft gelten konnte. Gewiss kann man den jüdischen Nationalismus auch auf materialistischer Basis begründen, — Ansätze hierzu finden sich vielfach — aber diese Gedankengänge sind wohl auch nur eine Art A s s i m i 1 a t i o n , die unseren Nationalismus genau wie den anderer Völker kopieren möchte. Denn unsere Zeit wertet fraglos vorwiegend nach materiellen* Motiven, sie ist erschreckend materiell gesinnt. Lediglich um i rd i s c h e r Güter willen kämpften die Völker Europas bis zur Vernichtung gegeneinander, und wirtschaftliche Motive entfachen die heftigsten Bürgerkriege. Die übermässige Wertung der äusseren Lebensgüter ist Gemeingut der „Kulturmenschheit". Auch der Soziaiismus krankt an einer Verstrickung mit materialistischen Tendenzen sowohl in der Theorie, als auch in den Motiven bei breiten Massen seiner Anhänger. Die Assimilation der Juden geht entsprechend dem Zeitgeist meist Hand in Hand mit einem Abfall vom alten jüdischen Idealismus zur herrschenden materialistischen Gesinnung. Die vollständige Ueberwindung der Assimilation ist daher nur möglich durch Abkehr vom Materialismus und Zuwendung zu einem neuen jüdischen Idealismus. Die Forderung der Jungen: Kampf gegen die materielle Gesinnung zuerst in den eigenen Reihen, berührt somit auf das tiefste das Erziehungsproblem unserer Bewegung. Wenn unsere Erziehungserfolge bisher so bescheiden waren, so liegt es daran, dass wir diese Forderung nicht genügend betont, dass wir die Revolutionierung der Gesinnung bei den wenigsten erreicht haben. Wir gaben uns meist mit einer zionistischen Ueberzeugung zufrieden und Hessen den Kern des Menschen unangetastet. So blieben die meisten Nationaljuden und Zionisten dieselben Philister wie die anderen und man musste schP» fein differenzieren, wollte man nennenswerte Unterschiede zwischen ihnen und den anderen Juden erkennen. Und doch sollte uns von den Assimilanten und den jüdischen Opportunisten klar erkenntlich diese grundverschiedene Weltauffassung trennen. Wer wäre wohl solch ein Banause, dass er nicht auch irgend ein Ideal, irgend: etwas Höheres anerkennt. Wert und Unwert teilt sich erst da, wo es gilt- Opfer zu bringen, zu wirken und zu handeln. Unsere Sache wäre verloren, fände sich nicht eine Jugend, die diese Forderung mit aller Leidenschaft zunächst an sich selber stellt. Was aber haben wir bisher geleistet? Wir haben schöne Reden angehört, haben billige Begeisterung gezeigt, haben bestenfalls eifrig Vereinsmeierei getrieben, haben aber in wirklich entscheidenden Dingen uns von den anderen wenig unterschieden.