Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Journal
- Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Volume
- 20 (1919)
- Issue
- 8 (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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34 Die grosse Belastungsprobe, die der Krieg den jüdischen Turnvereinen gebracht hat, lasst Vergleiche zu mit der augenblicklichen Lage der anderen grossen Turnverbände der „Deutschen Turnerschaft", der „Sokols" usw. Alle diese Verbände haben den Krieg erheblich besser überstanden, als die Jüdische Turnerschaft. Warum? Die Ursachen liegen keinesfalls an der geringen Zahl der Mitglieder gegenüber derjenigen der grossen Verbände. Die Zusammensetzung der einzelnen Vereine in sich bildet die Ursache. Demgegenüber konnte selbst das beträchtliche Anwachsen des nationaljüdischen Gedankens, seine Verbreitung und Vertiefung, sowie die günstige Entwicklung des Zionismus, keinen Ausgleich bieten. Sehr gross sind die Verluste, welche der Krieg in die Reihen der Mftr glteder gerissen hat. So hat z. B. der J. T. V. Bar Koch ba-Berlin bis jetzt 56 Tote festgestellt! Dazu kommt ein zweiter, nicht minder grosser Abgang. Es sind diejenigen, die wohl den Krieg überstanden haben, aber nicht mehr in die Reihen ihrer Vereinsbrüder zurückgekehrt sind. Auch ihre Zaiil ist leider sehr gross. Die innere Zusammensetzung unserer Vereine zeigte vor Kriegsbeginn den Fehler, dass die Zahl der Jugendabteifungen nicht ausreichte, und auch die Altersriegen, die sogenannten „Alte Herren - Riegen", deren Mitglieder über 30 Jahre zählten, geradezu verschwindend gering, meistens überhaupt nicht vorhanden waren. Das hatte infolge der überaus starken Einberufungen zur Folge, dass die Männer-Abteilungen allmählich in Verfall gerieten und verschwanden. Nicht einmal zur Leitung der Vereine waren genügend Kräfte zur Stelle. Selbst der Ausschuss der Jüdischen Turnerschaft hatte hierunter zu leiden. Eine Reihe von Vereinen musste überhaupt schliessen. Ganz anders bei den grossen Turnverbänden: ihre meist sehr starken Altersriegen hielten fast ohne Ausnahme die Vereine aufrecht. Jüdische Turnvereine müssen aber noch aus anderen Gründen grossen Wert auf den Besitz von Abteilungen legen. Der Wechsel in den Reihen ihrer Mitglieder ist sehr erheblich. Er hängt mit der sozialen Lage der jüdischen Jugend zusammen. Bisher bildete die Zahl der jungen Kaufleute einen hohen Prozentsatz, während andere, mehr sesshafte Berufe, zurücktraten. Ein fester Kern älterer Mitglieder ist daher ebenso unerlässlich, wie eine umfangreiche, gut geregelte Organisation der Jugendabteilungen. Eine selbstverständliche Voraussetzung ist natürlich die wirkliche turnerische Betätigung der A 1t e rs ri ege n. Stehen sie nur aut dem Papier, so bilden sie eben nur die „Greise" mit Zahlungspflicht. Stehen sie aber in Reihe und Glied auf dem Tlurnsaal oder Sportplatz, iso bilden sie den notwendigen Teil des Ganzen, der nicht mehr fehlen darf. Im Interesse des Vereins und jedes jungen oder alten Mitgliedes m)uss darauf gehalten werden, dass das Vorrecht der Jugend, sich körperlich zu betätigen, nicht zum Fehler wird. Ein wirklich lebensfähiger Turnverein muss nicht nur Altersklassen umfassen, sondern auch turnerisch beschäftigen können. Besonders m vorgerückten Jahren ist Elastizität und Kraft sehr nötig. Gab es doch in» Kriege eine erhebliche Anzahl Rekruten im Alter von $3 Jahren, in Oesterreich sogar noch ältere! Gerade die Gegenwart mit den üblen Folgen der Kriegszeit, die sich auch in unseren Reihen bemerkbar machen, zwingt dazu, «<* der besten vorhandenen Mittel zu bedienen, um die Spannkraft des Körpers zu erhalten und zu erhöhen. Wir Juden haben das noch viel nötiger, als irgendein anaeres Volk. Sind wir doch noch immer Stad'tvolfc und wenig mit der Natur vertraut. Die Vorzüge körperlicher Betätigung gelten für alle Jahresklassen. Sie nur der Jugend vorzubehalten, Ist rnindestens eine Unterlassung» sünde. Kein jüdischer Turnverein sollte sie auf sich nehmen! Es ist durchaus nicht nötig, dass Mitglieder der Altersriegen turnerisch früher einmal tätig waren. Ohne jede Vorbildung lassen sich auch mit ungelenken Gliedern teichte Uebungen, vor allem Freiübungen ausführen. Turnen ist zwar eine Kunst, aber man kann sie auch in primitiver Form üben. Wesentlich ist nur, dass der gute Wille vorhanden und die richtige Anleitung gegeben wird. Die letztere in Gestalt eines brauchbaren Vorturners «*