Mannheim
Compact Memory

Jüdische Turn- und Sportzeitung · 1919-01-01 · 8 (1919) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Turn- und Sportzeitung
Volume
20 (1919)
Issue
8 (1919)
Date
1919-01-01
Page
[Seite] (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/6492385-5965061-5965391--185-4923102
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

0 entity mentions (1 not found in this text)

17 Temperament. Nach Schluss des Geräteturnens folgt noch ein Spiel, und meine erste Turnstunde in Ostsibirien ist" beendet. Ein wenig müde und mit vielen neuen Eindrücken gehe ich am andereh Morgen ins Lager zurück, das ich ohne Zwischenfall erreichte. Nun folgten einige Wochen der Erwartung. Aber trotz allem Enthusiasmus war die Sache wieder eingeschlafen. Da hiess es selbst Hand anlegen. Die Friedensunterhandlungen zwischen Deutschland und Russland standen damals schon bevor, und man rechnete bei uns mit einer baldigen Heimfahrt. Sollte also in Werchne- Udinsk noch ein jüdischer Turnverein entstehen, was bei der absoluten Unerfahrenheit der dortigen Juden auf diesem Gebiet nur m't Hilfe von Gefangenen durchzuführen war, so musste ich veranlassen, dass man dort etwas schneller, als es russischer und sibirischer Art entspricht, vom Wort zur Tat schreite. Ich schrieb also einen recht energischen Brief an das dortige Zionistische Komitee, in welchem ich seine Aufmerksamkeit auf die Wichtigkeit der körperlichen Betätigung unserer jüdischen Jugend lenkte und auf die Förderung hinwies, welche die jüdische Turnsache stets von zionistischer Seite erfahren hatte. Das wirkte. Nach einigen Tagen bekam ich Bescheid: Der Turnverein sei endgültig konstituiert, die Leitung mir ubertragen worden. Bald darauf besuchte mich einer der Herren aus der Stadt, der beim russischen Kommando meine Uebersiedlung nach Werchne-Udinsk durchführte. Ich packte meine sieben Sachen zusammen und bezog mein neues, recht schönes Quartier bei einer judischen Familie. Nun ging es an die Arbeit. Ein neuer Turnsaal, ein ehemaliges Verkaufsgewölbe, war gemietet worden, dem man aber die „Turnhalle" noch recht wenig ansah. Aber mit Unterstützung imeiner Zöglinge wurde bald Ordnung geschaffen. Licht- und Heizungsanlagen wurden in Stand gesetzt, der ganze Raum gehörig gereinigt, e'n paar alte Garderobenständer dienten als Kleiderablage, ein etwas altersschwacher Tisch avancierte zum Vorturnertisch, die Ladenbänke bekamen eine Rolle als Turngeräte zugewiesen. Nun musste zuerst eine Kommandosprache geschaffen werden. Es sollte nur hebräisch kommandiert werden. Da die in Konstantinopel und Jerusalem entstandenen Kommandobücher natürlich'unbekannt waren Und ich nicht einmal ein hebräisches Wörterbuch hatte, so blieb mir nichts anderes übrig, als mir eine kleine Sammlung deutscher Kommandos zusammenzustellen, die von mir ins Hebräische und von ^nem des Deutschen mächtigen Herrn ins Russische übertragen «urden. Eine Abschrift der so entstandenen Kommandoworte wurde *n der Turnhalle zum Anschlag gebracht und nach wenigen Stunden! *°n allen Teilnehmern ohne weiteres verstanden. Hebräisch wird *°n der dortigen Jugend mit weit grösserem Eifer gepflegt, als etwa "•er in Deutschland, doch sind auch dort die erreichten praktischen Resultate nicht recht befriedigend. Die älteren Jungens, die nur das JJjmnasium oder die Realschule besuchen, sprechen fast gar nicht braisch, un(* auch unter den Mädchen habe ich kaum eine ge- 5

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.