Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Journal
- Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Volume
- 20 (1919)
- Issue
- 6 (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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und den Veredlungsprozeß seiner Psyche zur Verwirklichung einer nationalen Idee. Wenn Kaminski im angeführten Aufsatz die uniforme (gleichmäßige) Erziehung des Jahn'schen Turnprogramms ablehnt und für eine „Differenziertheit in Anlagen und Neigungen" eintritt, die „dem jüdischen Geiste mehr zusage", so hat er zunächst das Verdienst, ein wichtiges Problem unserer Erziehung klar und deutlich umschrieben und brauchbar zur Diskussion gestellt zu haben. Ganz allgemein möchte ich es wie folgt formulieren: Wo liegen in unserer Erziehung die Grenzen der individuellen und der Gemeinschaftserziehung? Für uns handelt es sich nicht um die E n tsc h eid ung zu einer der beiden Erziehungsmethoden, sondern um das Maaß der Anwendung beider. Die individuelle (nach Anlage und Neigung differenzierte) Erziehung kommt für uns nur so weit in Betracht, wie sie benötigt wird, um im Bewußtsein unserer ETziehungsobjekte eine richtige Stellungnahme zur Gemeinschaft herzustellen (also nur als Mittel zum Zweck). Ich schließe das aus folgenden Tatsachen. Jeder Mensch besitzt von Geburt aus jenen schon erwähnten Egoismus. Er ist auch dort noch vorhanden, wo ihn die beste Erziehung stark umgeformt hat. Er ist die Ursache von Hemmungen und Widerständen — von der Reflexion bis zur Unlust — gegen die Aufgabe des „Ich-Standpunktes" zu Gunsten der Gemeinschaft. Nun tritt aber dieser Egoismus in veredelter Form ein zweites Mal im Alter von 16 bis 20 Jahren auf im Bewußtwerdcn des „Ich-Wertes" (Persönlichkeitskern) und zwar als starke Neigung, ganz diesem „Ich" zu leben. Wird diese Neigung nicht gehindert, so wird sie Zweck aller Handlungen (yergl- Georg Kerschensteiner). Wir haben kein Interesse daran, diese natürlichen Vorgänge in der Psyche der uns anvertrauten Jugend durch zu großes Entgegenkommen auf ihre persönlichen Anlagen und Neigungen zu stabilisieren, sonst erreichen wir, daß wir dieser Jugend nur ein Mittel zur Erreichung ihres „Ich-Zweckes" sind, das in dem Augenblick fallen gelassen wird, in dem es diesem Zweck nicht mehr dient. Wir wollen aber erreichen, daß sich das Objekt unserer Erziehung bewußt wird, daß sein „Ich" nur einen Zweck als Glied dieser Gemeinschaft hat. Wenn man dieses Verhältnis zwischen Person und Gemeinschaft psychologisch genauer definieren soll, so ist zu sagen: Das „Ich-Bewußtsein" ist — als Vorstellungsinhalt — das erste Glied einer Relation, deren zweites, dazugthöriges (und verlangtes!) Glied die Gemeinschaft ist. Darum weiche ich auch von Kaminskis Standpunkt ab, wenn er sagt, daß die von ihm verlangte Differenzierung dem jüdischen Geist mehr zusagt. Sie sagt nicht dem jüdischen Geiste zu, sondern dem empirischefl Egoismus des Juden, der eine Reflexion auf die jahrhundertlange Vergeh waltigung der jüdischen Psyche ist, also eine anormale Erscheinung, 3»« nicht gefördert, sondern geheilt werden sollte. Damit will ich vom P&?K gogischen und psychologischeu Standpunkte aus Kaminskis Forderung nichv etwa verwerfen, sondern nur — wie oben formuliert — fester umgrenzefl- Viele weiden bei der ganzen Erörterung den Zusammenhang mit dem Turnen vermißt haben. Es handelt sich hier um die Wechselwirkung zwischen Körper und Geist. Sie hier zu erörtern, führte zu weit. Darum vermag ich auch über die technische Verwirklichung diesmal nichts sagen. 6