Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Journal
- Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Volume
- 20 (1919)
- Issue
- II (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 54 (sequence 58)
- Language
- German
- Belongs to
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rem Kampfe, trotz der kaum verbundenen Blutmale seiner ernsthaften Verwundung, sofort wieder an die Arbeit gehen will. In allen diesen Mensche« eint sich irgendwie Gegensätzliches zur Synthese, Dualistisches zur Harmonie: Bei Berl ist es der Spieltrieb des Kindes, das den eigenen Schwerpunkt nock zu suchen scheint, mit der Selbstzucht des Mannes, der seinen und der Gemeinschaft Weg kennt. Ein ganz anderer Typ ist Jacob P1 o t k i n, der als wohlhabender Kauf- Mann im Alter von 43 Jahren herüberkommt, und sich nunmehr mit seinen Söhnen von ländlicher Arbeit ernährt. Gewiß hat es etwas Krampfhaftes, wenn er voller Stolz und Freude von „uns richtigen jüdischen Fellachen" spricht; noch ist nicht jene ungezwungene Natürlichkeit erreicht, die erst spätere Generationen von Landbewohnern ganz haben werden; aber wie rührend ist das tapfere Ausharren dieses Mannes trotz seiner Schwäche, dieser Sieg des Geistes über den Körper, der Idee über die Materie; und wie tragisch dann sein Tod, der ihn infolge Ueberanstrengung gerade an dem Tage ereilt, als er von der Verwaltung die heiß ersehnte Erlaubnis erhält, sich ein eigenes Grundstück zu kaufen. Aber Jacob Plotkin ist noch kein ganzer Jude und deshalb noch kein ganzer Mensch: ein Rest jener unendlichen Sehnsucht des Ghetto ist noch in ihm, und spricht sich darin aus, das ihm das Glück der zeitlichen Erfüllung seiner Träume allzu bewußt und auf diese Weise wieder etwas unwirklich wird und daß er allzu deutlich sein eigenes Bild vor dem geistigen Auge hat: „Siehe da! ein richtiger jüdischer Bauer nebe« einem richtigen Pfluge." Dieser Begriff „richtig" geht übrigens durch das ganze Buch; er zeigt in seinem frohen Erstaunen, wie weit und wie schwer der Weg ist, den wir zurücklegen müssen. Daß wir aber nicht verzagen dürfen, sondern im Gegenteil, alles Recht zum Optimismus haben, zeigt uns Berl Clay, der Amerikaner; er ist wirklich das, was wir alle sein sollten: „ein praktischer Idealist". In ihm eint sie» Wissen und Tat; er hat weder den etwas ungesunden Bildungs- und Bücherhaß des heldenmütigen, baumstarken Meir Chasonowitsch, noch die Unberührtheit, das Schweben jenseits von Gut und Böse des kleinen, schönen Moischke B a r k i s; er ist ebenso fern von der überschwenglichen Be-\ Meisterung und inbrünstig glutvollen Liebe zur Erde des entlaufenen Jaffaer Gfmnasiasten Jizchak Turner, wie von den Gewissenskämpfen jener Jeschiwa-Schüler. Samuel Friedmann und Abraham Josef Baral. Br, Berl C1 a y, ist ein in sich beruhigter Mensch; er verschließt Beine Auge« micht vor den Problemen, nimmt sie aber ohne ihre Schwierigkeiten zu unterschätzen, mehr praktisch als tragisch: er ist ein Arbeiter, der denkt, ein Jude, der natürlich lebt, ein Mann, dem Palästina Heimat, nur und deshalb g a « z Keimat ist. So sieht der neue jüdische Mensch aus. Auch andere Abarten dieses Typus mögen zur letzten Reinheit emperwachsen; und wenn uns auch der kaukasische Bergjude Jecheskel Nissannow etwas fremd anmutet, wenn uns besonders die gracchisctm Ruhe der Mutter bei seinem Tode und ihre einzige Frage „ob er sich an seinen Mördern gerächt habe?", sowie ihr „Gott sei Dank!", als sie die bejahend« Antwort vernimmt, auch recht unjüdisch vorkommen mag, so darf uns das nicht allzu sehr stören. Ebenso mögen einige von uns vielleicht den fast an-, tiken Brief von Moischke Barkis Vater als gefühllos, Berl Schweigers Peit- »ctiung des Arabers als roh oder Meir Chasonowitsch' Vorliebe für die arabischen Vollblüter und deren „Fantasias" als assimilantisch in einem neuen Sinne empfinden. Wir müssen uns indessen immer sagen, daß wir durchaus kein Recht haben, an jenem organisch wachsenden Stück Leben im einzelnen Kritik zu üben, da wir. notwendigerweise mit westlichen Begriffen an Ding« herangehen, die allem, was wir kennen, völlig unvergleichbar sind. Ebeonö wenig dürfen uns die mannigfach auftauchenden Probleme des Mierachismajs, Poale-Zionismus und vor allem der Arbeiterfrage entmutigen; wir wolle» unfruchtbares Mäkeln unterlassen, etwaige Bedenken, die nicht ausbleiben werden, still für uns vermerken, und uns lieber dem Gemeinsamen und Großen zuwenden, das durch Leben und Tod aller Gestalten des Buches hindurchgeht; - 54