Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Journal
- Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Volume
- 20 (1919)
- Issue
- II (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 52 (sequence 56)
- Language
- German
- Belongs to
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teuern in der großen Stadt Odessa und anderswo schlägt er schließlich den Rückweg nach seiner Heimatstadt, nach Glupsk ein, und findet unterwegs im Walde das geliebte, nie vergessene Mädchen wieder. Ihr ist es unterdessen nicht gut gegangen, aber noch mehr hat sein Weib, die Blinde, leiden müssen, die der Rothaarige sehr schlecht behandelt und dann verlassen hat. Und weiter erzählt Fischkes Freundin, daß sie noch immer bei der Bande sei, die ganz in der Nähe ihr Quartier aufgeschlagen habe. Die Bettler begrüssen den unliebsamen Gast mit Schimpfreden und Stockschlägen, so daß er nun endlich beschließt, mit der Buckligen zu entfliehen. Er verabredet eine alte Schenke als Treffpunkt, aber wieder haben die seltsamen Liebesleute Unglück. In eben derselben Schenke nämlich hält der Rothaarige mit seinem Helfershelfer eine Beratung über vergangene und künftige Schandtaten ab; sie entdecken den Bräutigam auf dem Dache der Schenke, und er entgeht nur durch das tapfere Dazwischentreten des verkrüppelten Mädchens dem sicheren Tode, da ihn der Rothaarige überwältigt hat und erstechen will. Aber es ist ihm nicht allzuviel dadurch geholfen, denn er wird nun auf der Bank gefesselt allein gelassen, während der Verbrecher unter schauerlichen Flüchen mit dem Mädchen abzieht. Diese ganze Geschichte erzählt Reb Fischke selber und zwar erzählt er sie seinem Befreier, dem Bücherhändler Reb Alter Jaknhas, der seine Fesseln durchschnitten hat, und dessen Kollegen Reb Mendele. Zwischen diesen beiden Geschäftsleuten ist schon mancherlei vorgegangen. Sie haben sich im Straßengraben getroffen, als sie am 17. Tammus, dem Fasttage, mit ihrem Bücherwagen unterwegs waren, vor Hitze und Hunger einschliefen und mit ihren Gefährten umkippten. Sie sind aus derselben Stadt und so verbringen sie den Tag gemeinsam, handelnd und plaudernd, fahrend und rastend; wir lernen sie kennen und gewinnen sie lieb; besonders aber Reb Mendele wächst uns ans Herz. Sicherlich nicht zufällig hat der Dichter dieser wunderbaren Gestalt seinen eigenen Vornamen gegeben: So voll lachenden Weinens, voll tragischen Humors und voll versöhnender Güte betrachtete auch Mendele Mocher Sforim die Welt, die Welt der Juden nämlich. Sein Buchhändler und Philosoph, der immer, wenn wir seinen klug-naiven Bemerkungen noch lange lauschen möchten, mit dem Worte abbricht „Doch davon will ich nicht sprechen", er ist die eigentliche Hauptgestalt des Buches, obwohl wenig mit ihm geschieht; aber er berichtet uns die ganze Geschichte, denn auch Fischkes Erzählung wird von ihm wiedergegeben, er ist am Anfang da und auch am Ende, und seine Auffassung von den Dingen der kleinen und großen Welt ist es, die uns maßgebend erscheint. Reb Alter aber, sein Kollege, ist keineswegs frei von Schuld und Fehle; er hat seine Frau im Stich gelassen und mit ihrem kleinen Mädchen verstoßen; nun entdeckt er zu seinem größten Entsetzen, daß Fischkes Erzählung sich auf sein eigenes Kind bezieht, auf seine Bejle. Da schwört er, nicht zu Frau und Kindern zurückzukehren, bevor er sein Mädchen nicht wiedergefunden habe, und jagt mit seinem Wägelchen so schnell davon, wie es der dürre, lahme Gaul nur hergeben will. Die beiden anderen aber, Mendele und Fischke, fahren nun endlich nach Glupsk ein, denn man muß wissen, daß die ganze Erzählung Fischkes während der Fahrt stattfand, erst auf Mendeles und dann auf Alters Wagen. — Nun habe ich doch den Inhalt wiedergegeben und nicht einmal vollständig: es fehlt die Geschichte, wie den beiden Bücherhändlern ihre Pferde von eben derselben Bettelbande gestohlen werden, der auch Fischke angehört hat; es fehlen Mendeles merkwürdige Erlebnisse auf dem Polizeibüro, wo ihm die eine graue Peje abgeschnitten wird, die Begebenheit auf dem Jahrmarkt und in der Schenke, und es fehlt vor allem, was nur die Lektüre des Kunstwerkes selbst geben kann: der poetische Hauch, der darüber liegt, die zarten Naturschilderungen, die tief humorvollen Vergleiche, die wehmütige Rolle des bleichen Mondes, die weisen und verschmitzt-melancholischen Lebensbetrachtungen. Es fehlt die Musik des Buches, jener langhin klagende, unendlich gedehnte Ton, der in jedem Worte zittert und klingt; 52