Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Journal
- Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Volume
- 20 (1919)
- Issue
- II (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 51 (sequence 55)
- Language
- German
- Belongs to
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II Fischke der Krumme*) Man weiU nicht, was an diesem kleinen Buche des unlängst verstorbenen •stjttdischen Ghetto-Dichters am meisten zu bewundern ist: die röhrende Einfachheit, mit der diese Geschichte empfunden, oder die fast raffinierte Technik, mit der sie erzählt wird. In meisterhaft kunstvollem Aufbau, der etwa an die Rahmenerzählung gepflegtester deutscher Erzähler, an Gottfried Kellers „Sinngedichte", oder an Arnold Zweigs Claudia-Novellen gemahnt, wird hier eine Fabel wiedergegeben, die man nur mit primitivsten Worten nacherzählen kann und die ihren Schimmer und zarten Glanz verliert, sowie Man ihr im engen Rahmen einer Besprechung Grenzen und Konturen anweisen will. Immerhin sei so viel gesagt, daß uns der Dichter in die tiefste Schicht jenes armen, gedrückten Judenvolkes hineinführt, das in den kleinen Städten Polens und Galiziens sein seltsam erniedrigtes, dem Mammon und der Thora gleicherweise geweihtes Leben führt, in die Schicht der jüdischen Bettler, Schnorrer, Luitmenschen, Batlonim usw., für die es bezeichnenderweise so unendlich viel Namen gibt. Fischke der Krumme, der Held — jawohl: der Held — des Romans hat schon lange im Badehause zu Glupsk ein stilles, bescheidenes und zufriedenes Dasein geführt. Sein Amt war es, die Wäsche za beaufsichtigen, sein Lebensunterhalt bestand aus den Almosen, die er dafür einnahm, seine Freude in den Gesprächen mit den Bürgern, die sich gern mit dem Buckligen unterhielten. Alles wäre gut gewesen und noch jahrelang so weiter gegangen, wenn man ihn nicht unglücklicherweise überredet hätte, eine blinde Bettlerin zu heiraten und nach kurzer Zeit mit ihr auf die Wanderschaft zu gehen. Die anfänglich sehr glückliche Ehe leidet bald unter dem zänkischen Charakter des Weibes. Sie drängt ihren Mann dazu, sich einer Art von jüdischer Zigeunerbande anzuschließen, die aus der Bettelei einen organisierten Erwerb gemacht hat, mit Wagen und Pferden von Ort zu Ort zieht und meist aus gesunden, kräftigen Burschen besteht. Besonders tut sich unter ihren Angehörigen ein starker, rothaariger Kerl hervor, der die Blinde bald ihrem Mann vollständig abspenstig macht und sie für seinen Erwerb ausnützt, während Fischke selbst immer mehr herabgeatoßen wird und herabsinkt. Nur eins richtet ihn auf und läßt ihn all» körperlichen und seelischen Qualen ertragen, die er von den anderen durch Prügel und Schimpfreden zu erdulden hat: die reine Liebe zu einer buckligen Leidensgefährtin, die ebenso wie er als Spielball und Lockmittel des Mitleids herumgestoßen wird und sich doch ihr warmes Herz und ihr reiches jüdisches Gemüt bewahrt hat. Es ist mit so zarten Farben geschildert, wie allmählich aus dem gemeinsamen Gebrechen und Leid wirklich Mitleid wird und wie dann die Blume Liebe keusch und schüchtern aus all diesem Wust voi Schmutz, Elend und Verkommenheit hervorblüht. Fischke versucht nun, sich von seiner Frau scheiden zu lassen, um die Bucklige zu heiraten und nit ihr ein neues, stilles und glückliches Leben zu beginnen. Es wirft ein außerordentlich interessantes Schlaglicht auf die mannigfach gemischten Kulturzustände des östlichen Judentums, daß selbst in diesem tief herabgesunkenen Milieu der Gedanke an eine Entführung mit Entschiedenheit abgelehnt und alles von der gesetzlichen und rechtlichen Scheidung abhängig gemacht wird. Nachdem Fischke endlich durch die größten Opfer an Geld und Arbeitskraft sich an das Ziel Beiner Wünsche gelangt glaubt und seine Frau in die Scheidung einzuwilligen scheint, da trifft ihn ein neuer Schlag. Auf «as Betreiben des Rothaarigen hin, reist die Gesellschaft hinter seinem Rücken ab und nimmt die Bucklige mit, so daß er nun ganz allein auf Gottes weiter Welt steht. Nach mannigfachen, meist recht unangenehmen Aben- *) Fischke der Krumme. Ein jüdischer Roman von Mendele Mochef Sforia. Deutsch von Alexander Eliasberg. Verlag R. Löwit, Wien u. Berlin, 1918. Preis: t,M M. i» 51