Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Journal
- Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Volume
- 20 (1919)
- Issue
- II (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 50 (sequence 54)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/6492385-5965061-5965385-5965403--471-4922973- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
mag sie den wenigen mustergültigen Uebertragungen aus fremden Literaturen, über die das deutsche Schrifttum verfügt, als gleichwertig rühmen; zugleich richtet sie ein Beispiel für die Forderungen auf, die gegen jede Uebersetzung hebräischer Werke zu erheben sind. Die Schwierigkeiten, die hier vorliegen, sind bekannt. Sie stammen zum großen Teil aus der Heterogenität des sprachlichen Materials. Fast jede hebräische Phrase schwimmt mit einer schweren und doch immer gefügigen, schnell wendbaren Fracht historischer und gedanklicher Atmosphäre daher. Wie soll man aber im Deutschen Worte des gleichen Fluidums hernehmen? Zum andern Teil liegt das Scheitern der meisten bisherigen Uebersetzer an der zunehmenden Verpöbelung der Schreibkunst. Wer irgend einmal zu politischen oder anderen Zwecken Deutsch geschrieben hat und nebenher etwas Jiddisch oder Hebräisch versteht, hält sich für befugt, uns ostjüdische Kultur zu vermitteln und liefert nun Uebersetzungen, die selten auch nur das grob Stoffliche des Originals in das Deutsche übertragen. Die Uebertragung, die hier Max Strauß geglückt ist, ist von anderer Art. Sie vermag es so eng das Wesenhafte des Originals festzuhalten, daß selbst der des Hebräischen Unkundige aus den deutschen Sätzen beständig, wenn auch dumpf, das mächtige Gefüge und die reiche Sinnfälligkeit unserer alten Sprache heraushören mag. Sie ist natürlich in einem fehlerlosen, richtigen Deutsch verfaßt, an dem die Kühnheit der Wendung ständig erfreut, aber «ine „schöne", geglättete Sprache im Sinne der Zeitungsschreiber ist das selbstverständlich nicht. Sie zeichnet mit der letzten Treue dem Hebräischen seinen Ausdruck nach (die Rede tat sich ihm ab; und die Schar der Erinnerungen sprang von den Enden der Zeit herbei und sie erhoben ihre Mäuler gegen ihn wie freche Hunde, und er fuhr mit Entsetzen auf und drückte die Hände ans Herz; da erbrauste der Tisch, und der Stuhl schütterte, und die Krüge und Gläser klangen, und die Becher brachen in Jubel aus, und auch die Fässer öffneten den Mund und sprachen ein Lied; da knarrte seine Seele in ihren Angeln; sein Inneres rauschte); sie verkürzt nirgendwo, ersetzt nicht das gegenständliche, aber breite Bild durch die abgegriffene Phrase, teilt auch nicht die für das Hebräische typischen, bollwerkhaften Sätze artig in übersichtliche Gruppen ab, sondern nimmt ihren vollen, ruhigen Atem ungehindert in das Deutsche hinüber. Dies also ist ein seltenes Buch und wert, alle Menschen zu entzücken, die Dichtung ihrer selbst willen zugetan sind. Da wir seine Vorzüge lediglieh aus dem Epischen hervortreten ließen, sind wir gegen den Verdacht einer kleinlichen Betrachtungsweise gefeit, wenn wir, so gewaltsam das reinen Gebilden der Kunst gegenüber zuerst scheinen mag, eine auf anderer Ebene erfolgende Nebenwirkung verzeichnen, die dieses Buch durch seine bloße Existenz hervorrufen mag. Wir wissen ja und es kränkt uns, daß unser altes, starkes Volk dem Nichtjuden nicht minder als seinen Entwurzelten, dazu auch vielen, die sich national-jüdisch nennen, nur in abscheulicher Verzerrung bekannt ist. Dagegen vermag alle Publizistik, wie meisterhaft und gerecht sie auch die Sache der Geschmähten führen will, nicht aufzukommen. Ein Buch wie dieses jedoch, ein Werk reiner Kunst, aus dem, ungewollt, erhaben und für alle Zeit sich das Bild der Volksgemeinschaft rundet, wird vielleicht das Wunder zustande bringen und manchen überraschten Zeitgenossen darüber nachsinnen lassen, welch hoher Adel und welch unantastbare Gesittung über diese galizischen Juden kommt, wenn ein Dichter sie anschaut. Sonst müßte man an diesem Europa und an der Menschlichkeit seiner Bewohner noch mehr verzweifeln. Fritz Mordechai Kaufmann. 50