Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Journal
- Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Volume
- 20 (1919)
- Issue
- II (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 49 (sequence 53)
- Language
- German
- Belongs to
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Weib an der Seite eines andern vorfindet, ist doch bereits in allen denkbaren Abwandlungen behandelt worden. Der Konflikt, der um die Doppeltvermählte sich erhob, wurde dann meistens in äußerem Geschehen, in Gewalttat und Streit der Lösung zugeführt. Hier ist es wohl zum ersten Male, daß die Wirrnis und ihre Entknotung dem äußeren Geschehen entzogen sind; sie werden zu Stufen, um die Geschehnisse ganz ins Seelische und Sittliche hinaufzuführen und das Menschwerden eines Armseligen ergreifend zu vollenden. Nicht weniger eindringlich für die prägende Art dieses Dichters zeugt seine Ausgestaltung von Gleichnis und Anekdote zu tragenden Teilen des Berichts. Es ist natürlich, daß bei den Ostjuden wie bei allen Orientalen diese Formen der Erzählung eine bedeutsamere Rolle spielen, als bei den jüngeren europäischen Völkern, deren geistige und kulturelle Geschichte vielleicht niemals einen ähnlich gesetzmäßigen, allen Volksgenossen verständlichen und teueren Niederschlag in festgeprägten Sätzen und Geschichten finden wird. Ihre Epik wird dadurch eintägiger, sie flüstert nur, während in den Bildern der andern die Jahrhunderte rauschen. In der ostjüdischen Erzählung wiederum sind diese Formen bisher traditionell angewendet worden, kaum einmal wie ein spezifisches, reicher Entfaltung fähiges Kunstmittel, meistens nur zur Steigerung der Komik oder der Schwere einer Situation. In Agnons Buch sind Gleichnis und Anekdote jedesmal unaussprengbar in den Ablauf der Erzählung eingefügt. Sie häufen sich niemals um eine bereits geschilderte Begebenheit, sondern führen selbständig und in reizvoller Weise die gegenständliche Schilderung weiter. Als die beiden Eheleute in die schlimmste Not geraten, erzählt Agnon nicht des Breiteren von ihrem Gottvertrauen, sondern er schiebt die Geschichte vom Balschem, dem Pächter und dem Kosaken ein. Dort, wo ein Virtuose der expressionistischen Novelle das Treiben der Bettler hinzeichnen würde, steht bei Agnon die unvergeßliche, noch in der Erinnerung unser Lachen erzwingende Geschichte von dem Herrn Ensel-Schmensel und seinem Bettler. Uno dann die Geschichte vom Kosnitzer Rebben und dem Dieb, an jener entscheidenden Stelle, da Menasche Chajim sich zum Bettlertum entschließen soll, und noch ungezählte Gleichnisse und Anekdoten derselben prägenden Art. Der Fluß der Erzählung erhält durch' diese eingefügten idyllischen Szenen zugleich eine in ihren angenehmen Wirkungen schwer schilderbare Abwechslung, er ist nicht mehr gradlinig, sondern windet sich wie um viele schöne Inseln in anmutigen Schleifen fort. Dadurch wird die epische Distanz, die bei diesem Dichter wie kaum bei einem andern Zeitgenossen streng gewahrt ist, merkbar vergrößert. Wir gehen vielleicht heute in der Verwendung der neu erfundenen Kunstmittel, zumal der psychologischen, allzuweit und merken nicht, daß ein späteres Geschlecht unsere oft naive Freude an diesen Errungenschaften nicht mehr teilen wird, daß ihm in den Erzählungen auch der uns werten Dichter der Zeit vieles zu sehr bis zum letzten Winkel angefüllt, durch Worte, Bilder, Sinnbilder und Vergleiche gehäuft vorkommen mag. An Agnons Buch wird wohl auch der Nachgeborene die weise Oekonomie bewundern. Es sei hier erinnert an die natürlichen, ungezwungenen Verkürzungen, wenn die Erlebnisse von Jahren in einem Satze zusammengezogen werden, worauf dann die Erzählung in der neuen zeitlichen Ebene mühelos fortschreitet. Bei der Formulierung und Begründung meines weiteren Urteils nötigt mich mancherlei zur Zurückhaltung. Die ostjüdische Epik ist mir in ihrem hebräischen Zweig nur dürftig bekannt; auch meine Vertrautheit mit dem Hebräischen ist noch nicht derart, daß mir über das Schöpferische der sprachlichen Leistung, über des Dichters Erfindungen in der rhythmischen und plastischen Gestaltung des Hebräischen ein Urteil zustände. Dennoch ließ sich an den Abweichungen, die die viel später entstandene deutsche Ausgabe Segen den Erstdruck des Originals aufweist, ohne Mühe erkennen, welch gewissenhafter und beharrlich den gültigsten Ausdruck erstrebender Künstler Agnon ist. Auf die Uebersetzung, deren Vorzüge dazu nötigen, ihr einen längeren Abschnitt zu widmen, kann nur in gedrängter Form hingewiesen werden. Man