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Jüdische Turn- und Sportzeitung · 1919-01-01 · II (1919) · p. Seite 47

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Journal
Jüdische Turn- und Sportzeitung
Volume
20 (1919)
Issue
II (1919)
Date
1919-01-01
Page
Seite 47 (sequence 51)
Language
German
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und dann wahrnimmst, wie klug und besonnen die Hand zu ordnen wußte, die dir diese fabelhaften Menschen und fremden Dinge wie Freunde und deinesgleichen hinstellt. Da pocht dein Herz wie das ihre; ihre Trauer und ihre Tröstung senken sich auf dein Gemüt; gewiß, ein besseres Gewand deckt dich und deine Gleichnisse reden eine dünnere Sprache; die Weisheit, die dich nährt, riecht noch nach dem aufdringlichen Firnis unerprobter Kultur und hat selten den Duft der letzten und Urdinge. Wenn du aber ein empfängliches Herz in dir weißt, wird es dir weit und froh in diesem Buch entlegener Menschen und verschlossener Gebräuche, und du selber, seiest du Christ oder Heide, gehst in den großen Frieden dieses Menasche Chajim ein, als seist du es, der in den Gräbern der Friedhöfe Wohnung nahm. Solches begegnet uns in der ostjüdischen Literatur zum ersten Male, daß eines ihrer typischsten Werke, das in jeder Zeile die Prägung der alten Gemeinschaft trägt, sich ohne Zwang dem Allgemeinen öffnet und das Menschliche in einer rührenden und ganz großen Weise aufnimmt. Wie oft bedauerten wir es, daß selbst Mendele, dieser begnadete Erzähler, häufig noch anderes wollte, als gestalten und dichten, und der Zeit und ihren geringen Bedürfnissen in seine Bücher Einlaß gab. Da waren Stellen, wo er sein Gebilde bis zu einem Grade heraufgeführt hatte, daß sie sogleich in das Zeitlose eingehen konnten, und wo er dann matt blieb wie ein Sittenrichter und ihnen lehrhaft vielerlei Gewichte anhängte. Wir sahen auch, wie andere sich einen Ausweg aus der heimischen Enge suchten. Sie verlegten den Schauplatz in eine fremde Umwelt von etwas verwachsenem Europäertum und gerieten hier nur noi'h tiefer in die Wirrnis äußerlicher Kunstubung: in die Themen und Probleme, die in den Kaffeehausstuben westlicher Großstädte verhandelt werden, in dm Schwall modischer Schlagworte und Theorien, die wiederum durch Stoffliches und durch Rezepte die mangelnde innewohnende Echtheit ersetzen wollten; wenn sie dann im übrigen Europa bereits diskreditiert sind und neue Moden sie ablösten, feiern sie im ostjüdischen Schrifttum häufig eine verspätete Auferstehung. Die Wurzeln von Agnons Kunst stehen nicht in diesen Einöden. Sie reichen tief herab in jene guten Gründe, die seit Homer noch alle großen Erzähler genährt haben. Das schlichte Leben eines galizischen Händlers, das hier erzählt wird, verläuft in einer vergangenen Zeit, in den ersten Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts, aber so, wie die Erzählung gestaltet ist, hat sie nichts gemein mit den im Kern meist unwahrhaften antikisierenden Versuchen, die uns den historischen Roman so belanglos werden ließen. In der Rede, in der Agnons •vlenscheD sprechen und geschildert werden, ist nichts gewollt Altertümliches; sie beschränkt sich nicht etwa auf die Formen der Darstellung, wie sie zu der Zeit, da die Geschichte sich zuträgt, von guten Erzählern geprägt wurden. Sie ersucht auch nicht Milieuhaftigkeit vorzutäuschen, sondern hat den 'i'eieii, gewichtigen Tonfall der geschlossenen guten Zeiten des Erzählertums. ^or allem: sie ist eminent episch. Es kommt überhaupt nicht vor, daß der Hergang streckenweise vom Dialog getragen wird, um aus dieser dem dramatischen Dichter gemäßen Aüsdrucksform Tempo, Rythmus und Farbe herzunehmen. Dialogartiges ist selten, meist nur an den gesteigerten Stellen verwandt; die Sätze werden dann überaus realistisch gestaltet, aber sie sind nicht der Gasse nachgezeichnet, sondern stehen bei all ihrer Treffsicherheit wie Schmuckstücke in dem getragenen Bericht. In den sind die engen Zustandlichkeiten des Ostjüdischen gelassen hineingenommen. Wenn Agnon sie <1ann hinstellt, diese Vierellenwelt, sie ausweitet und erhöht, verliert selbst das Banale seine Stumpfheit. Was äußerlich in der Geschichte vor sich geht, m *** eine Kette von Alltäglichkelten. Da wird gehandelt und gebettelt; Menasche und sein Weib holen sich den Unbeschnittenen in den Laden und muhen sich, an ihn die Ware abzusetzen; die Verarmten verbergen ihre Not > hinter den schönen Kleidern und allerlei Schlichen; Menasche eiyacht aus der Trunkenheit und sieht sich auf dem abgebrochenen •Jahrmarkt — das sind gewiß recht gewöhnliche Situationen. Und doch 4 47

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