Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Journal
- Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Volume
- 20 (1919)
- Issue
- II (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 45 (sequence 49)
- Language
- German
- Belongs to
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Kleid anlegt, daß er aber in seinem inneren Wesen immer der nämliche bleibt. Der Jude nach außen beginnt und hört auf bei der Haustür. Derselbe Jude, der einem auf der Straße ein Paar minderwertige Hosenträger anzudrehen versucht, kennt keine Geldwertung, wenn man als Gast über seine Schwelle tritt. Die Tatsache, daß man Jude ist, genügt ihm, um mit geradezu rührender Gastfreundschaft die oft recht dürftige Habe zu teilen. Wenn manche jüdischen Soldaten andere Erfahrungen gemacht haben, dann lag es daran, daß sie sporenklingend zu den Juden in die Wohnung kamen und nur nebenbei erwähnten, daß sie auch Juden seien. Hiergegen war man berechtigterweise mißtrauisch; denn die christlichen Soldaten hatten sehr bald gemerkt, daß man als Jude sehr viel erreichen konnte und scheuten sich nicht, sich als solche auszugeben. Ich lag eine Nacht im Quartier bei einer armen Lehrerswitwe in dem ausgeplünderten Grajewo mit mehreren Kameraden. Meine Mitteilung, ich sei Jude, wurde nur konstatierend aufgenommen, aber als ich den kleinen Sohn ergriff, ihn über sein hebräisches Wissen befragte und mich dann über die wirklich erstaunten Kenntnisse zu der Mutter lobend aussprach, da war der Bann gebrochen. Sie setzte mir vor, was sich nur auftreiben ließ, ja, blieb des nachts auf, um Weißbrot zu backen und es mir am nächsten Tage mitzugeben. Das ein Beispiel für viele. Wenn ich an Sabbathen oder Feiertagen in jüdischen Häusern war, dann konnten selbst manche ungewohnten äußeren Formen es nicht verhindern, daß ich mich wohl und heimisch fühlte, etwas wie Luft des Elternhauses verspürte. Die Zeit der russischen Revolution verbrachte ich auf dem westlichen Kriegsschauplatze und kam erst 1918 wieder nach dem Osten zurück, und zwar nach der Ukraine. Wenn auch die Revolution hinsichtlich der nationalen Autonomie keineswegs alle Hoffnungen erfüllt hatte, so war doch ein starkes öffentliches nationales und politisches Leben bei den Juden eingezogen. Propaganda und Agitation konnten sich ungestört entfalten, zeitigten frisch arbeitende Organisationen und erweckten besonders die Jugend zu frischem und starkem Wollen. Ein neuer Geist zog ein, trotz des Widerstrebens der Orthodoxie. Ich hörte die Rede eines alten Rabbi, der gegen moderne Bildung eiferte, ja sogar die hebräische Sprache, die im öffentlichen Verkehr immer mehr an Umfang gewinnt, bekämpfte, weil er in ihr mit Recht einen Feind des alten Chedergeistes witterte. Aber der geringe Beifall, dem diese Ausführungen selbst bei den Aelteren fanden, zeigte mir, daß der neue nationale Geist sich nicht mehr aufhalten läßt. Den reichsten Genuß bereitete mir ein Besuch des Turnvereins Makkabi in Pinsk am Roschhaschanah 1918. Ich hatte nur Gelegenheit, die Mädchenabteilung zu sehen. Daß bei den bestehenden , Anschauungen eine Mädchenabteilung möglich war, war für midi eine freudige Ueberraschung; die Leistungen selbst und der frische,