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Jüdische Turn- und Sportzeitung · 1919-01-01 · II (1919) · p. Seite 44

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Journal
Jüdische Turn- und Sportzeitung
Volume
20 (1919)
Issue
II (1919)
Date
1919-01-01
Page
Seite 44 (sequence 48)
Language
German
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ser gänzlich unsinnige Wertmesser naturgemäß abging. Ich habe versucht, den Ostjuden in seinem Gebahren aus den Verhältnissen .heraus zu verstehen, bin, wo sich mir die Gelegenheit bot, ihm innerlich nahegetreten und habe daraus nicht nur intellektuellen Nutzen gezogen, sondern verdanke ihnen auch seelische Stunden, die mir Oasen in der Wüste dünkten. Ich möchte erwähnen, daß ich nur Gelegenheit hatte, Litauen, die Ukraine und, sehr flüchtig, Polen kennen zu lernen. Wenn unsere Assimilanten von der vermeintlichen Höhe ihrer westeuropäischen Kultur auf die Ostjuden mit Verachtung herabsehen, so zeugt das von grenzenloser Oberflächlichkeit. Ebenso unberechtigt ist es, wenn man sie in gewissen zionistischen Kreisen mit einem Nimbus umgibt und sie als der Entwicklung Ziel darstellt. In der Selbstverständlichkeit ihres Judeseins sind sie uns zweifellos überlegen, aber die Macht der unglückseligsten Verhältnisse hat sie in vielem doch derart beeinflußt, daß sie noch manche Wandlungen erfahren müssen, um den ersehnten Typ des neuen jüdischen Menschen darzustellen. Wenn man über die Ostjuden auf Grund von Kriegserfahrungen urteilt, darf man nicht vergessen, daß die Okkupation heteronome Verhältnisse geschaffen hat, die nicht ohne Einfluß auf die Juden geblieben sind. Durch die Besetzung wurde zunächst jedes wirtschaftliche Leben abgedrosselt, was für die dichtbesiedelten jüdischen Städte eine Katastrophe war. Bei der gerade dem Ostjuden eigentümlichen Anpassungsgabe an veränderte Verhältnisse gelang es wohl einem Teile, sich seinen Lebensunterhalt zu sichern, doch durfte er in der Auswahl des Erwerbes nicht sehr wählerisch sein. Die als Wucher empfundene und verschriene Preissteigerung war als Risikoprämie nur allzu gerechtfertigt bei der Häufigkeit der — euphemistisch gesprochen — Requisitionen, die in Wahrheit Beraubungen und Erpressungen waren. Trotz der Geschäftigkeit vermochte ein großer Teil der Juden nicht dem Elend zu entgehen. Durch eine reiche Familie in Wilna, die eine großzügige Hilfsaktion organisierte, erhielt ich Gelegenheit, einen Einblick in die trostlosen Verhältnisse zu gewinnen. Tatsächlich ist es vorgekommen, daß jüdische Mädchen sich aus Hunger für ein Brot hingegeben haben. Wer wagt, über sie den Stab zu brechen? Auch der Ostjude ist ein Mensch wie alle Menschen, in seinem Gebahren dem Milieu, insbesondere den sozialen Verhältnissen unterworfen. Der russische, der litauische, der polnische Jude unterscheiden sich sozusagen genau proportional dem sozialen Druck von einander, was Lebens- und Denkart anbetrifft. Deshalb die einen für besser als die anderen, und gar uns Westjuden für die besten zu halten, zeugt von Naivität, wie oft habe ich an Heines „Prinzessin Sabbath denken müssen! Ich glaube, daß der Jude in rauheren Verhältnissen zwar ein rauheres 44

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