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Jüdische Turn- und Sportzeitung · 1919-01-01 · II (1919) · p. Seite 42

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Turn- und Sportzeitung
Volume
20 (1919)
Issue
II (1919)
Date
1919-01-01
Page
Seite 42 (sequence 46)
Language
German
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ins Feld. Wir kamen nach dem Osten. Hier sollte nun ein persönliches Erlebnis mein ganzes Wesen, meine Ansichten und Ueberzeugungen gänzlich verändern. Wir kamen bei unserem Rückmarsch von Iwangorod nach Zarki, einem kleinen Städchen, das' zum größtön Teile von armen polnischen Juden bewohnt war. Ich lernte sie kennen, in all ihren Wesenseigentümlichkeiten. Es betrübte mich, zu sehen, unter welch traurigen Verhältnissen sie ihr Leben fristen mußten und welchen Einfluß dieses Leben auf ihren Charakter und ihren Geschäftsgeist hatte. Da kam der Freitag Abend heran. Ich wohnte mit einem Teil meiner Korporalschaft bei einem armen alten Juden, der in zwei kleinen unsauberen Stübchen mit Frau und fünf Kindern hauste. Jetzt mußten sie sogar alle mit einem Stübchen vorlieb nehmen. Als ich abends an meinem Kommißbrot zehrte, hörte ich nebenan beten und die Neugier veranlaßte mich, mit hineinzugehen. Ich betete mit ihnen. Sie waren alle sichtlich überrascht, daß ich ihnen so gut folgen konnte. Nach dem Ende des Abendgebetes gestand ich ihnen, daß ich die hebräischen Gebete nicht übersetzen könne, ja von vielen Gebeten nicht einmal den Sinn verstände. Danach gab es das Abendessen, bestehend in einem kleinen Stück Fisch (für zwei zu wenig)! Als ich den alten Juden fragte, wie es denn möglich sei, daß sie davon satt werden könnten, sagte mir der Greis: „Uns hat schon das Beten gesättigt. Unser Gebet, die Liebe zu Gott und die Hoffnung auf bessere Zeiten in unserem Lande hilft uns über den Hunger hinweg." Als ich ihn fragte, was er mit detr besseren Zeiten in unserem Lande meine, antwortete mir der Jude mit jenen unvergeßlichen Worten: „ Ihr da im Westen kennt diese Sehnsucht nicht, Ihr habt Geld und seid glücklich. Statt uns zu helfen, spottet Ihr unser. Das Geld, was Ihr uns schickt, das Belangt nicht zu uns und hilft uns auch hier nichts. Schafft uns lieber eine Heimat, wo auch wir frei und ohne Furcht leben und glücklich sein können. Ihr habt die Mittel dazu. Glauben Sie mir, wir Juden können noch mehr, als Geschäfte machen. Gebt uns nur den Spaten und ein Stück Land dazu und Ihr sollt Wunder erleben." Seinen Jargon und die schwärmerische Begeisterung kann ich ja nicht in Worten schildern. Ich war tief ergriffen. War vieles dabei auch übertrieben und allzu optimistisch gedacht, aber ich hatte hier zum ersten Male den jüdischen Wunsch nach Arbeit in Zion kennen gelernt und tat nun in Zukunft alles, um den zionistischen Gedanken dieses Juden näher zukommen. Als ich später Pinskers Autoemanzipation las, wurde ich in meinem Wunsche noch bestärkt, für mein Judentum persönlich einzutreten und mitzuhelfen an der Verwirklichung dieses Wunsches des alten Juden. Erst zwei Jahre später trat ich ins K. J. V. ein. Gespräche mit Bundesbrüdern und Lektüre ließen mich schnell in das Streben und Wirken des K. J. V. hineinfinden. Seit kurzem habe ich auch in Raths hebräischem 42

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