Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Journal
- Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Volume
- 20 (1919)
- Issue
- II (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 34 (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/6492385-5965061-5965385-5965403--455-4922957- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
den Kredit der Rothschilds war in den ersten Jahrzehnten des. vorigen Jahrhunderts eine Anleihe irgend eines deutschen Staates nicht zu placieren. In Frankfurt, Hamburg, Berlin, Breslau, Köln und verstreut über das ganze Land saßen kapitalkräftige, jüdische Bankfirmen, die zum Teil neben dem eigentlichen Bankgeschäft den Handel mit Wolle, Holz, Zucker, Textilien betrieben, Handel und Industrie kreditierten und sich auch unter den Gründern der ersten deutschen Aktienbanken befanden. Besonders häufig war die Verbindung des Bankgeschäfts mit dem Getreidegeschäft. Aber auch das reine Getreide- und Produktengeschäft war während des vorigen Jahrhunderts, ebenso wie der Handel mit Metallen, fast ausschließlich in jüdischen Händen. Von dem Bekleidungsgewerbe und dem Handel in künstlerischen Antiquitäten, mit Pferden, Schlachtvieh, Leder, gilt dasselbe. Heute liegen die Dinge schon ein wenig anders. Die fortschreitende Konzentration, die die Spargelder des Publikums und die flüssigen Mittel der Geschäftswelt immer mehr von den Privatbankiers fort in die Kassen der sich ständig dehnenden Aktienbanken leitete und auch in anderen Erwerbszweigen die Zusammenballung des Kapitals zu Aktiengesellschaften brachte, drängte auf den meisten Gebieten die Tätigkeit selbst des weit über das Durchschnittsmaß hinausragenden Einzelkaufmanns zurück. Die Hohe des Geschäftskapitals begann die persönliche Note auszugleichen, der Prozeß der Schematisierung begann. Es kam hinzu, daß allmählich auch der deutsche Kaufmann vom jüdischen gelernt hatte, daß der Jude vielfach, nachdem er seine Rolle als unfreiwilliger Lehrmeister ausgespielt hatte, als entbehrlich bei Seite geschoben wurde. Ueberau da, wo der Schematisierungsprozeß schon weiter fortgeschritten war, gelang das ohne weiteres. Selbst im Bankgewerbe konnte man sich den Luxus antisemitischer Angestelltenpolitik leisten, kamen viele nichtjüdische Firmen auf, seitdem Zweige, die speziell auf die sprunghaft schnelle jüdische Art zu arbeiten eingestellt waren, wie z. B. das Arbitragegeschäft, durch die Vervollkommnung der Verkehrsmittel und auch durch die Börsengesetzgebung mehr und mehr an Bedeutung verloren hatten, während gleichzeitig das rein buchhalterisch-beamtenmäßige Element, seinen Einzug in die Banken hielt. Zwar gelangte auch eine Anzahl von Juden in die Direktorenkabinetts der Banken und Industriegesellschaften, saß dort sogar an hervorragender Stelle. Es genügt, neben den Namen der schon erwähnten Ballin und Rathenau, den von Karl Fürstenberg zu nennen, der den interessanten Typ einer Börsen- und Industriebank in der „Berliner Handelsgesellschaft" schuf. Das heißt einer Bank, die nicht, wie die übrigen Großbanken, den Wettlauf um die Depositengelder des Publikums mitmachte, sondern die durch besondere enge finanzielle Verbindung mit wenigen aber großen und meist mehr als Geldgeber denn als Kredit- 34