Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Journal
- Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Volume
- 20 (1919)
- Issue
- II (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 25 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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läßt man nur die als Unterscheidungsmerkmale harmlosen und nicht entscheidenden religiösen Besonderheiten des Judentums bestehen, erklärt das jüdische Volk zu einer mosaischen Konfessionsgesellschaft und bezeichnet sich als deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Jetzt assimiliert man sich krampfhaft und macht selten auch nur halb gelingende Versuche, das ureigene Wesen abzuschütteln oder zu vergraben. Bestenfalls reißt man sich von der naturgegebenen Gemeinschaft los und dringt etwas unter die Oberfläche, ein wenig über die Peripherie der Sphäre deutschen Geistes hinaus; aber dann treibt man entwurzelt, losgerissen zwischen Völkern und Rassen. Der Jude, wie er uns im letzten Jahrhundert und heute allgemein entgegentritt, mußte so hemmungsloser Individualist werden; denn ihm fehlte der Nährboden einer wesensentsprechenden Gemeinschaft, die Verbindung mit den Quellen des Volksgefühls. Die Geistesentwicklung des jüdischen Volkes in unserer Zeit (oder vielmehr seiner assimilierten Teile im Westen Europas) führt vom Gemeinschaftsmenschentum, vom Sozialismus, zum Einzelmenschentum, zum Individualismus. Es ist nach diesen Feststellungen ohne weiteres klar, daß in den letzten Jahrzehnten der junge Jude, den das reine Bewußtsein der Gemeinschaftlichkeit, des Sozialen, nicht erfüllen konnte, da er Glied einer anderen, entgegengesetzt gerichteten Entwicklungskette war, dem freideutschen Jugendlichen und seiner Gemeinschaft wesensfremd, andersartig gegenüberstand. Individualisten und Sozialisten traten sich entgegen. Es soll hier nicht von gelegentlichen antisemitischen Ausschreitungen mancher Freideutschen Bünde, von dem berühmtberüchtigten „Judenheft" der Wandervogel-Führerzeitung, von der judenfeindlichen Stellung der „Greifen , und des „Vortrupps" gesprochen werden. Rohe, in ihrer Verallgemeinerung und Gehässigkeit unbegründete Ausbrüche eines tief verwurzelten Hasses, hemmungslose Explosionen des Instinktes sind gerade für die Freideutsche Jugend nicht bezeichnend. Was verständlich, begreiflich, berechtigt an der Stellungnahme der Freideutschen zu den Juden ist, soll an dieser Stelle knapp dargestellt werden. Eine Jugend, die sozial empfindet, die sich mit der ganzen Unbedingtheit ihres Seins ihrer Gemeinschaft verbunden fühlt, kann für wurzellos dahintaumelnde, in ihrer Vereinzelung schwache und fast grotesk wirkende „ Individualmenschen" zunächst nichts als kopfschüttelnde Abneigung übrig haben. Sind aber die Wurzeln dieser Gefühle der Geringschätzung aufgedeckt, so erwächst — anfangs im Bewußtsein der führenden Köpfe — aus ihnen allgemein der Wunsch, der Fremdling, der hier stört und stören muß, möge in seine Gemeinschaft gehen, möge zu seinem Volke zurückkehren, wo er als Teil eines ihm adäquaten Ganzen Gutes zu wirken imstande sein werde. So erklärt sich u 25