Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Journal
- Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Volume
- 20 (1919)
- Issue
- II (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 24 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/6492385-5965061-5965385-5965403--445-4922947- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
feindungen zu einer bewußten und innigen Ghettogemeinschaft zusammengeschlossen. Der Jude dieser Zeiten ist ein williges, sich freudig aufopferndes Glied seines Volkes, ein liebevoller und selbstvergessener Helfer und Schützer seiner Brüder, ein sozialer Mensch, Und erst die Emanzipation vor hundert Jahren löste alle diese Bindungen. Es ist erklärlich, daß damals, einerseits die ersten auflodernden Regungen eines sozialvölkischen Gefühls, dessen schwache Zeichen die an der Spitze der Entwicklung marschierenden Persönlichkeiten überall verspürten, die geistigen Führer des deutschen Volkes von der Notwendigkeit eines innigen Zusammenschlusses aller auf dem Boden ihres Vaterlandes lebenden Menschengruppen überzeugten und ihnen den Willen eingaben, auch die Judenghetti zu sprengen und die Mauern niederzureißen, die S* ne Rasse von den „Anderen" schied, — und daß andererseits im ewußtsein der richtunggebenden Köpfe Deutschlands zu einer Zeit des überstarken, blutsmäßige Scheidungen vernachlässigenden kosmopolitischen Rationalismus alle Möglichkeiten gegeben schienen, die verachteten Ghettojuden als Volksbrüder zu begrüßen und in die Arme zu schließen. So wurde, auf der Grenze zwischen vergangener und werdender Epoche, als Kind einer Zwischenzeit, der jüdische Emanzipationsgedanke aus sterbender und alternder Begrifflichkeit und aus eben erwachtem Gemeinschaftsempfinden in den Köpfen der deutschen Gesetzgeber geboren. Die Massen, die nun aus den Judenvierteln strömten, saugten sich in den Poren des wirtschaftlichen und vielleicht auch des geistigen Lebens ihrer „Wirtsvölker" fest. Der Jude eroberte sich Börse, Markt und Presse. Dabei aber blieb es. Wirtschaftlich und geistig, als Bankiers und als Journalisten blieben die aus dem Ghetto herausgetretenen Zwischenhändler Vermittler fremder Werte; sie gelangten nicht zu den agrarkulturellen Quellgründen der Produktion, sie stiegen nicht in die Urgründe des fremden Volksgeistes hinab. Sie mußten an der Oberfläche kleben bleiben; denn sie konnten zu den versteckten Strömungen und Unterströmungen, die Dasein und Entwicklung der Völker umspülen, schlechterdings kein innerliches Verhältnis gewinnen. Da aber die Erfahrungen, welche man mit der Emanzipation machte, alle Hoffnungen und Annahmen enttäuschten, die zur Emanzipation geführt hatten, machte sich bald «in Rückschlag eine Reaktion in der Stellung der Völker zu „ihren" Juden bemerkbar; und so glauben diese, mit verdoppelter Kraft, mit angespanntestem Willen einer restlosen Verschmelzung mit den „Anderen" zustreben zu müssen, um sich des edlen Geschenkes der Befreiung aus den Ghetti würdig zu erweisen. Jetzt verneint man und unterdrückt man gewaltsam alle Unterschiede der Art, des Wesens, um nicht „aufzufallen", nicht „abzustechen"; jetzt 24