Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Journal
- Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Volume
- 20 (1919)
- Issue
- II (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/6492385-5965061-5965385-5965403--443-4922945- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
deutsche Führertag in Nürnberg, der am Karfreitag des Jahres 1918 zusammentrat, brachte die Einigung: ein „Arbeitsamt", dem ein „Führerrat" mit einem „Arbeitskreis" zur Seite stand, vereinte die beiden Hälften der Bewegung, und schon die Tübinger Freideutsche Woche im Herbst sah eine geeinte Jugend. Nun aber fegte die Revolution Kronen und Systeme, Altes und Morsches hinweg. Wie stellte sich da die Jugend zur Neugestaltung des öffentlichen Lebens? Es ist gewiß kein Zufall, daß aus den Gemeinschaften Jugendlicher, die dem Wickersdorfer Kreise innerlich nahestehen, seit jeher die Sozialisten der Freideutschen Jugend hervorgegangen sind. Die Anschauung Wynekens führt, wie oben gezeigt wurde, zu bewußter, arbeitsfreudiger Stellungnahme zu Volk, Staat, Gesellschaft, zu positivem Mitschaffen, Vergeistigen, Versittlichen der Welt, das heißt: zum Sozialismus. Gewiß ist dieser Sozialismus nicht der wirtschaftlich begründete, einer wirtschaftlichen Nivellierung dienende Sozialismus des historischen Materialisten, der das Menschengeschlecht in zwei Hälften trennt, deren eine sich durch den alleinigen, monopolistischen Besitz der Produktionsgüter von der anderen unterscheidet und abhebt. Eine andere Gegensätzlichkeit — so argumentiert der Jugendliche — zerreißt die Menschheit. „Diese Kluft ist geistiger Natur; sie trennt die Diener und die Feinde des Geistes. Eine soziale Umwälzung kann nur Erfolg haben, wenn sie diesen Zwiespalt berücksichtigt; ja nur, wenn sie sich auf ihn stützt" (Bauermeister). Wer wollte zweifeln, daß eine Jugend, die so empfindet, in der augenblicklichen Gestaltung der Verhältnisse ihres Vaterlandes nicht die Verwirklichung ihrer ersehnten Ideale zu sehen vemag? Und wer wollte jene bedeutenden Teile des Kreises um Wyneken in Bausch und Bogen verdammen, die sich enttäuscht, alp allzu eifrige und eilende Schrittmacher wahrer sozialer Gerehtigkeit, in unseren Tagen dem Bolschewismus zuwandten? Ihnen konnte die Entscheidung nicht schwer fallen, „daß Gewalt, die zur Aufrechterhaltung von Sklaverei und Unterdrückung in irgend einem Sinne dienen soll, unsittlich ist, während die Anwendung der Gewalt zur Befreiung der Menschen aus Sklaverei und Unterdrückung sehr wohl zu rechtfertigen ist" (H. Koch- Dieffenbach). Daß auf der anderen Seite der im wesentlichen aus Wandervogelbünden herausgewachsene Teil der Freideutschen Jugendsich nach der Revolution als „völkisch" bekannte und zu den konservativen Parteien hinüberschwenkte, ist verständlich und überrascht nicht, wenn man sich die oben angedeutete Ideologie des Ahlhornschen Kreises vergegenwärtigt, Der Wandervogel, auf der Suche nach einem idealen Menschentyp, nach vollendeter geistiger Formung des gewissermaßen potentiell vorhandenen Wesens, mußte das Prinzip der Reinrassigkeit anerkennen und" 22