Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Journal
- Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Volume
- 20 (1919)
- Issue
- II (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/6492385-5965061-5965385-5965403--436-4922938- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
egozentrische Selbstbejahung (Descartes), ein Solipsismus (Berkeley), dem erst Kant durch die Aufstellung seines kategorischen Imperativs und später Fichte in seinen „Reden an die deutsche Nation" entgegentrat. Hier zuerst regten sich Stimmen, die gegen den geistigen Individualismus ihrer Zeit Front machten und statt seiner Verantwortungsgefühl den Anderen, der Gesellschaft gegenüber, Gemeinschafts- und Volksbewußtsein predigten und verkündeten. Es muß aber festgehalten werden, daß diesen quasi „sozialen" Systemen und Philosophien durchaus der Wesenszug starker und überstarker Begrifflichkeit anhängt, daß sie — denn Begrifflichkeit und Individualismus sind causal verknüpft — aus individualistischen Grundgefühlen geboren sind. Kant hat die Postu- Iate des Pflichtgefühls weniger erlebt als vielmehr gedanklich abgeleitet, und Fichte war nicht umsonöt der Philosoph des Ich. Die entscheidende Wirkung dieser neuen, die Gemeinschaft zunächst begrifflich bejahenden Geistesströmung ist aber die, daß allmählich das begriffliche Moment des Geistes in seine Schranken zurückgedrängt wird und das Geistige sich in seinen beiden Polen gleichsam ausbalanciert. Das Gemeinschaftsgefühl, verstandesgemäß begründet und gefordert, durchdringt den Menschen, der gewohnt ist, sich in allen seinen Entscheidungen von begrifflichen Bestimmungen leiten zu lassen, und stellt sein Wesen mehr oder minder um. Und während etwa Kant „Gemeinschaft" als solche erst erleben konnte, nachdem er sie begrifflich deduziert hatte — was der Schlußstein seines Gedankenbaues war —, erleben die Jünger Kants „Gemeinschaft" unmittelbarer als der Meister selbst und bauen auf diesem Erleben, das sie dem Individualismus entfremdet hatte, ihr Sein und ihre Weltanschauung auf. Ja, mehr als das: da Kraft gleichstarke Gegenkraft erzeugt, neigen die geistigen Führer unserer Zeit mehr und mehr dazu, den begrifflichen Pol des Geistigen zu gunsten des anschaulich-intuitiven zu vernachlässigen. Denn der Geist als Grundmacht unseres Menschentums ist aller Menschen Gemeinbesitz; und nur, wenn er sich durch die Linse des Intellekts bricht und begrifflich geformt und differenziert ist, vermag er überhaupt das Bewußtsein der Einzelhaftigkeit zu wecken. Während so in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts und in unserer Zeit die führenden Persönlichkeiten der deutschen Geisteswelt aus ihrer Vereinzelung herauszutreten beginnen und ein positives Verhältnis zur Gemeinschaft gewinnen, beharrt andererseits die Masse der Geführten, das Volk, das sich langsamer entwickelt und den Trägheitsgesetzen in stärkerem Maße unterworfen ist als seine Führer, in einem Rationalismns, der sich in. der überstarken und überschnellen technischen Entwickelung der letzten Zeit auswirkt, und in einem Individualismus, der seinen Ausdruck etwa in dem Mangel jeglichen Gemeinschaftsh 15