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Jüdische Turn- und Sportzeitung · 1919-01-01 · II (1919) · p. Seite 12

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Journal
Jüdische Turn- und Sportzeitung
Volume
20 (1919)
Issue
II (1919)
Date
1919-01-01
Page
Seite 12 (sequence 16)
Language
German
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bleiben: Fernhalten jeder Schädigung, oder sich fähig machen, jede Schädigung zu ertragen. Was ist das rechte? Kant hatte den denkbar zartesten Körper; um sich vor Erkältung zu schützen, las er keine frisch gedruckte Zeitung, aus Furcht, sich so den Schnupfen zu holen; und in der Tat führte er so ein Leben, das bis ins hohe Alter frei von Störungen der Gesundheit blieb. Aber dazu gehörte ein Lebensschicksal, das ihm stets ein solches Leben zu führen erlaubte. Wir wissen nie, was das Leben von uns fordern wird, welche Stürme wir zu bestehen haben werden; darum isfc es besser, uns von vornherein gegen jeden Ansturm zu feien und uns unseren Körper so zurecht zu zimmern, daß auch der härteste Anprall uns gewappnet findet. Eine rechte Jugend soll nicht zaghaft jede Gefahr meiden; wir wollen der Wirklichkeit mit all ihren Fährnissen entgegentreten', darum wollen wir auch unseren Körper stählen. Wirklichkeitssinn, praktischer Blick, ist eine der schönsten Früchte gymnastischer Selbstzucht. Turnen ist körperliche Arbeit und gibt uns Verständnis für körperliche Arbeit, wo immer sie auch in Erscheinung tritt. Jedem tut dies seelische Verhältnis zur Handarbeit, der Grundstufe jeder Kultur, bitter not. Freilich ist Turnen immerhin nur ein Abbild ernster körperlicher Arbeit. Beginnt uns heute Gymnastik allmählich zu einer Art sittlicher Pflicht zu werden, so wird eine kommende Zeit vielleicht ernste Arbeit mit Hacke und Spaten an seine Stelle setzen; wird uns Turnen heut zur Naturverknüpfung, so wird dereinst vielleicht Bearbeitung der Scholle unsere Erholungsstunde ausfüllen und uns eine versittlichende Verknüpfung mit einem natürlicheren Zustande der Zivilisation geben, in dem keine übertriebene Arbeitsteilung den Handarbeiter vom Kopfarbeiter wie eine unüberbrückbare Kluft scheidet. Einst flickte der weiseste Rabbi das Schuhzeug seiner Gemeinde. Weisheit war kein Vorrecht. Wer nur den Willen hatte, ihr nachzustreben, konnte sie erreichen. Uns jüdischen Turnern soll Turnerei nie Selbstzweck sein. Der jüdische Kopf gehört nun einmal zum jüdischen Idealtypus. So ist auch uns ein Turnverein ohne Geistesleben, ohne Kurse und Unterricht nicht denkbar. Turnen soll uns ja nur ein Korrelat unserer geistigen Arbeit sein. Durch den Wechsel der Tätigkeit, durch das abwechselnde Spiel der Muskeln und des Geistes suchen wir Erholung und erhöhte Vollkommenheit des Körpers und der Seele. Wir kennen die Schönheit alter Organe in ihrem Einklang. Jedes verkümmerte Organ scheint uns häßlich. Gymnastik ist uns betätigtes Schönheitsempfinden; deshalb liegt uns jede sportliche Uebertreibung fern; wir brauchen uns vor der Gefahr des Sportes, 12

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