Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Journal
- Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Volume
- 20 (1919)
- Issue
- II (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/6492385-5965061-5965385-5965403--425-4922927- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
sich auch der Charakter solcher Volkskulturen nicht fest umrissen darstellen läßt, jeder empfindet doch französische, deutsche, russische Kultur als eigen geprägte Typen, mit dem Bilde des Römers die Erinnerung an die bis aufs kleinste schematisierte Ordnung von Politik, Staat, Militär, Polizei, Recht, mit der national-kulturellen Leistung der alten Griechen bestimmte Vorstellungen von personifizierter Natur, von heiterer Weisheit und schönheitstrunkener Kunst. Und gerade die Kunst bietet uns einen wertvollen Maßstab dafür, wie fest die subtilsten Lebensäußerungen, die feinsten Auswirkungen produktiven Schaffens an das Wesen der Nation und an die Resonanz von Menschen gleicher Empfindungswelt gebunden sind. Sinnfällig tritt hier in Erscheinung, was jede wahre Kultur uns lehrt: nur aus den Urgründen der Volksseele strömt sie hervor, ist Lebensatem der Gemeinschaft, pulsierendes Blut, das alle Schichten durchdringt, erwärmt und nährt, einigende Stimmung, die alle Teile der Nation zusammenschmilzt zur lebendigen Einheit, zur Volkspersönlichkeit. Ein so naturgegebenes, durch Geburt und Geschichte geheiligtes inneres Gesetz ist die nationale Bindung, daß keine wahrhaft große geistige Bewegung sich ihr entziehen kann. Deutlich wird das am Sozialismus, der in seinem Streben nach Internationalismus zuerst wohl nur mit der gegebenen Tatsache gerechnet hat, daß Nationen existieren, zwischen denen Brücken geschlagen werden müssen, um die Arbeiterklasse zu gemeinsamem Kampf für sozial-ethische Ideale zu verbinden; der aber dann mit immer größerer Konsequenz auch in seinem theoretischen Ueberbau das Wirken nationaler Kräfte als treibendes Agens im historischen Geschehen auffassen mußte. Die Stellungnahme der Sozialdemokratie im Kriege zeigt das bei den Massen instinktive, bei den Führern schon bewußte Sich-finden zur Volksgemeinschaft, und gekrönt wird diese Entwicklung durch die Beschlüsse der Internationale in Stockholm und Bern, die die nationalen Forderungen der kleinen Völker, die Befreiung der geschichtslosen Nationen als ihre eigenste Aufgabe betrachten. Wenn es einen Weg gibt, auf dem man der Höherentwicklung der gesamten Menschheit zustreben kann, so ist es nur der, den Nationen die Möglichkeit zu freiem Ausleben zu schaffen und sie im Internationalen zu verbinden. Aber im Anfangsstadium liegt die Betonung nicht auf „ Inter", sondern auf „Nationalismus". Wir empfinden deutlich, daß der einzelne junge Mensen, dessen höchstes Streben die Prsönlichkeit ist, diesen Reifeprozeß nie in einer Uniformierung mit anderen, immer nur durch Pflege und Entwicklung seiner persönlichsten Anlagen vollenden kann. Erst dann vermag er die rechte Stellung zu seiner Umwelt zu finden, wenn das Verhältnis von Geben und Nehmen zwischen ihm und ihr ausgeglichen ist. Ganz entsprechend geht es den Völkern in ihrem Verhältnis zum Internationalismus. Auch sie können 4