Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Journal
- Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Volume
- 20 (1919)
- Issue
- I (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 49 (sequence 49)
- Language
- German
- Belongs to
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- Minsk 1× ep/1000754
- Vilnius 1× ep/1000947
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Bundesbrüder uns in der Folgezeit in Wilna trafen — und wir waren alle Vierteljahr dort in stattlicher Zahl beisammen —, waren wir von der jüdischen Stimmung Wilnas gefangen; das waren uns dann immer die Tage der inneren Befreiung, Feiertage für unsere Seele. Aber so erfreulich auch diese einzelnen Male und Tage waren, es waren doch immer nur kurze Zeiten, in denen wir das jüdische Leben genießen konnten; von einem tieferen Eindringen in den Geist des Ostjudentums konnte auch da keine Rede sein. Denn wir hielten uns immer nur einen oder zwei Tage in Wilna auf. Erst der Vormarsch im Februar 1918 ermöglichte es uns, in engste, dauernde Berührung mit den Juden des Minsker Gouvernements und der Stadt Minsk selbst zu kommen. Unsere Vorwärtsbewegung war gerade am Purim zu Ende; das Mißgeschick wollte es, daß wir auf einem entlegenen Gute Quartier bezogen, wo natürlich keine Juden wohnten. Am Purim-Morgen ritt ich deshalb in die nächste Stadt —Kureniez — und machte dort dem Rabbi meinen Besuch. Da ich mich hebräisch leidlich mit ihm verständigte, so war er der Annahme, daß er in mir zum mindesten keinen „am haarez" mehr vor sich hatte; er ließ es sich dämm nicht nehmen, mir die Megillath Esther selbst vorzutragen. Selbstverständlich machte ich das Purim-Essen mit, an dem ein großer Teil der Gemeinde teilnahm und bei dem es sehr lustig und hoch herging; ich weiß nur noch, wann es angefangen hat, und das war am frühen Vormittag. Am anderen Tag kehrte ich mit ..Schlachmones" reichlich versehen zurück. Einige Tage später konnte ich mich dieser und der benachbarten Gemeinde Wilecka noch nützlich erweisen, indem ich für sie von unseren Militärbehörden die Beschaffung von Mehl und Wein zu Pessach erwirkte; die Rabbiner der beiden Orte dedizierten mir daraufhin je eines ihrer selbstverfaßten Werke, Kommentare zum Talmud. Wenn ich heute die Widmung in diesen Büchern lese, komme ich mir mit meinem bißchen Arbeit für ihre Gemeinden viel zu gering vor. Aber richtig in das jüdische Leben hinein kam ich erst in Minsk, wo ich fast sechs Wochen zubrachte. Diese Zeit wird mir immer als meine reichste und mich am meisten befriedigende in der Erinnerung bleiben. Demi hier konnte ich so manches von dem, was ich an Gutem und Starkem erfahren habe, durch mein Mitarbeiten ergänzen. Hier in Minsk habe ich so recht die Ueberlegenheit der Ostjuden uns gegenüber erkannt. Wir in Deutschland denken immer von uns, wir seien dank unserer Disziplin und unserem Organisationsvermögen die Beherrschenden. Das stimmt aber nicht; uns fehlt noch vieles, allzu vieles, als daS wirklich von uns eine lebendige Kraft ausgehen könnte. Gewiß ist mancherlei in den Einrichtungen und Organisationen nach unseren Begriffen zu wenig festgefügt, zusammenhanglos; gewiß