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Jüdische Turn- und Sportzeitung · 1919-01-01 · I (1919) · p. Seite 50

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Journal
Jüdische Turn- und Sportzeitung
Volume
20 (1919)
Issue
I (1919)
Date
1919-01-01
Page
Seite 50 (sequence 50)
Language
German
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könnte eine starke Persönlichkeit dem Parteikampf der östlichen Juden mit Erfolg begegnen; obwohl dieser Parteikampf dort ausschließlich auf dem Boden des nationalen Judentums als ganz selbstverständlich ausgetragen wird. Und sicher könnte in der Jugend, auch der zionistischen, mehr Gefühl für die Gesamtverantwortung als für die Durchsetzung eigner und materieller, viel zu wenig auf die Volkszukunft abzielender Forderungen bestehen. Aber was will das heißen gegenüber all dem Ausgezeichneten und Jüdisch-Ursprünglichen, von dem wir in Deutschland keine tatsächliche Vorstellung haben! Wenn jetzt bei uns hier Bestrebungen nach Schaffung der jüdischen Volksgemeinde im Gange sind, so sind das Pläne, die dort auch ohne Organisation in jedem Einzelnen lebendig vorhanden sind und als eine Selbstverständlichkeit erscheinen. Je mehr ich von dem schaffenden Leben der Juden in Minsk sah, desto gründlicher lernte ich die Hingabe schätzen, mit der ein jeder an seinem Platze arbeitet. Es gibt dort für den Juden nur die jüdische Arbeit; diese ist ihm Zweck und Erfüllung seines Lebens. Ebenso wie im Leben des Einzelnen äußert sich diese Hingebung in ihren Gesamt-Veranstaltungen und ihren Feiern. Des Lag-Beomer des vergangenen Jahres werde ich noch lange denken, wie ihn viele Tausende von Kindern mit blau-weißen Fahnen und Schärpen, hebräische Lieder singend und ■jüdische Reigen und Spiele vorführend, im großen Stadtpark feierten und mit ihnen die Väter und Großväter und Mütter und Großmütter um die Jugend wetteiferten. Könnt Ihr Euch solch ein Fest in Berlin vorstellen? Geht und schaut Euch die Volkshäuser, die Lesehallen, die hebräischen Schulen, die Kindergärten, die Konsumvereine, die Darlehnskassen und noch so vieles andere an, und Ihr werdet mit mir der gleichen Ansicht sein: das ist wahres Gemeinschaftsleben, das Leben, wie wir es für uns hier bisher vergeblich erstrebt haben. Bei dem dauernden engen Zusammenleben mit den Minsker Juden war es mir zur Pflicht geworden, daß ich mich in allen nur erreichbaren Fällen zur Verfügung stellte. Oft blieb es nur bei meinem guten Willen; denn die deutschen Behörden riegelten meine Ausführung meistens ab. Den einzelnen Dienststellen die nationalen Wünsche und Forderungen der Juden klar zu machen, war bei den aus Deutschland mitgebrachten Anschauungen an sich schon schwierig; noch mehr aber wurde mir meine Verwendung für die Juden dank meiner Stellung erschwert, die mir eben keine Legitimation zur Vertretung jüdisher Fofderungen gab. Trotzdem ist mir einiges im Abstellen sinnloser Härten gelungen, und ich konnte wenigstens etwas zur Linderung des sich in und um Minsk stark häufenden jüdischen Flüchtlingselends beitragen. In dieser Arbeit für meine Brüder fand ich meine Befriedigung •und die Genugtuung für so manches vergebliche Mühen. 50

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