Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Journal
- Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Volume
- 20 (1919)
- Issue
- I (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 48 (sequence 48)
- Language
- German
- Belongs to
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dafür der immer sich wiederholende und beide Teile erfreuende Vorgang der gegenseitigen Begrüßung, Wenn wir so durch eine Ortschaft ritten und aus den Häusern oder auf den Straßen die Juden uns beschauten, dann ging es jedes Mal wie ein freudiges Aufleuchten über ihre Gesichter, wenn, ich ihnen das „Scholojm" zurief; und als ich gar am Simchath-Thorah 1914 kurz vor Festtagsausgang mit meinem Regiment durch eine Stadt zog und wir nur ganz kurze Pause dort machten, da brachten mir viele liebe Hände als Dank für meinen jüdischen Gruß und meine Fragen nach ihrem Ergehen, Speise und Trank. Dem Deutschen war es immer aufs neue nicht verständlich, wie schnell sich dieses Band zwischen mir und den dortigen Juden knüpfte; mir war es klar, — kamen wir doch vom selben Stamm, und verstanden wir uns doch allsobald, auch wenn ein jeder andere Worte redete. Die Gelegenheit, mich näher mit den Juden des Ostens zu beschäftigen, bot sich mir nicht, solange wir in Bewegung waren, und das war mit wenigen Ausnahmen bis zum. Winter 1915. Soweit ich nur irgend konnte, suchte ich in das jüdische Leben des einzelnen und der Gemeinden einzudringen. Es war für mich dann immer selbstverständlich, daß ich in jeder Gemeinde gleich den Raw aufsuchte. Das anfängliche Mißtrauen schwand schnell, wenn ich zu ihm ein paar hebräische Worte sprach; zuerst kam dann* ein großes Erstaunen bei dem Rabbi zum Vorschein, und wenn ich ihm außerdem noch sagte, daß ich Zionist sei, dann war die Freude doppelt groß. Aber immerhin waren das nur seltene Male; bis zum Frühsommer 1916 lebte ich ohne jeden Zusammenhang mit den Juden des Ostens. Erst dann erlangte ich die Möglichkeit, des öfteren nach Wilna zu kommen. Der ersten Fahrt erinnere ich mich noch allzugern; es war. zum Schebuoth-Fest 1910. Wir brachen, fünf Juden, in aller Herrgottsfrühe von unserer Frort auf; und wie wir so durch den prachtvollen Morgen ritten, da kamen wir uns vor, wie einstmals unsere Väter, wenn sie als „ole regalim" zu den Festtagen nach Jeruscholajim wallfahrten. Uns "war diese Fahrt nach dem litauischen Jerusalem damals in Wahrheit eine Wallfahrt. Die drei Tage, die wir zum Schebuoth inWilna zubrachten, bedeuteten uns ein Erlebnis nach dem andern. Zum ersten Male lernte ich dort die litnuisivun Juden kennen,.lernte sie kennen am Ort ihrer gesammelten Kraft. Ich mag hier nicht auf den Wesensunterschied zwischen litauischen und polnischen Juden eingehen; aber so viel-ward mir gleich klar, daß das ganz andere Juden sind, Menschen mit geraderem und ungenierterem Wesen, Ob wir nun in einem hebräischen Kindergarten hebräisch singen und spielen hörten und sahen, oder ob wir dem wunderbaren Gottesdienst mit seinem davidischen Sänger Herschmann zuhörten, oder ob wir draußen auf der Farm waren, für uns war alles dazu angetan, um unsere Festtags- «timmung zu kräftigen und zu mehren. Und immer, so oft wir 48