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Jüdische Turn- und Sportzeitung · 1919-01-01 · I (1919) · p. Seite 47

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Journal
Jüdische Turn- und Sportzeitung
Volume
20 (1919)
Issue
I (1919)
Date
1919-01-01
Page
Seite 47 (sequence 47)
Language
German
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Geschlechtern auf ihrem Gut oder ihrer Mühle sitzen, in ihrer Tracht sich kaum von den Landeseinwohnern unterscheiden, aber doch von uns sofort als Juden erkannt worden sind, als Jude« nicht nur in ihrem Gesicht sondern in ihrem ganzen Gebaren und in ihrer Denkrichtung. Als drittes will mir die Hingabe an alles, was nur irgendwie mit Judentum oder Judesein zusammenhängt, als Kriterium der ostjüdischen Kraft erscheinen. Im alten jüdischen Leben gab es ein Wort, „mesirath hanefesch", die selbstlose und aufopferungsvolle Hingabe an eine Sache; so ähnlich will mich auch das Leben der Ostjuden, das sich nur im Jüdischen voll zieht, bedünken. Auf diesen drei Momenten basiert meines Erachtens die lebendige Kraft der Ostjuden. Diese Kraft zu erkennen, war für uns, die wir zu Anfang des Krieges nach Polen kamen, nicht leicht. Wir ließen uns nur allzuschnell und oberflächlich von dem leiten, was uns der flinke Tag an Erscheinungen der Gasse bot. Wenn wir in den ersten Kriegsmonaten nur zu kurzer Rast in irgendeiner jüdischen Stadt weilten, dann sahen wir nichts anderes als auf der Straße in dichten Haufen herumstehende Männer und Kinder, die das deutsche Militär halb neugierig, halb furchtsam betrachteten; und gewiß macht es keinen erhebenden Eindruck, wenn sich in allen Winkeln und Gäßchen der Stadt zu jeder Tageszeit dieselben Gesichter zeigten. Nur zu schnell kam dann der Gedanke in uns auf: diese Menschen stehlen doch wahrhaftig dem lieben Gott die Zeit weg; ohne daß wir dabei die Wirklichkeit bedachten, daß einmal der größte Teil dos Erwerbslebens sich dort;iuf der Straße abspielt, lind daß zum anderen mit dem Einzug der Deutschen für längere Zeit überhaupt jede geschäftliche Betätigung unmöglich gemacht wri\ Diese äußerliche Beurteilung beeinflußte uns auch, wenn wir z. B. hier und da von den nicht lauteren Geschäfppraktiken hörten. Man konnte ja zumeist die Hälfte des Gehörten überhaupt als unwahr streichen und ein gut Teil der übrigbleibenden Hälfte auf das Konto der deutschen Soldaten setzen; aber immerhin, es blieb so mancherlei hängen, das mit den Begriffen der Geradheit im Verkehr nicht zu vereinen war. Aber wir zogen ja viel zu eilig durch das Land und waren von den Kriegsereignissen zu stark mitgenommen, um überhaupt einen Einblick in das wirkliche Leben der Juden tun zu können. So dürfte es sich erklären, daß viele von uns zu Anfang nicht recht nn die Kräfte des Ostjudentums glaubten. So erkläre auch ich mir mein anfängliches viel zu passives Verhalten unseren Brüdern im Osten gegenüber. Und doch fühlte ich in mir, so oft ich nur einen Juden sah, eine wie starke Zuneigung mich mit ihm verband, ein Gefühl der Zuneigung, das mich vielleicht gerade deshalb in meinem Bruder nur den ganzen und rechten Mann erblicken lassen mochte. Daß auf der anderen Seite dieses Verbundenheitsgefühl noch viel stärker und ursprünglicher lebte. 3 47

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