Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Journal
- Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Volume
- 20 (1919)
- Issue
- I (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 45 (sequence 45)
- Language
- German
- Belongs to
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nius gefunden. Andere wieder hat das soziale Ethos der Propheten aus ihrer alten Umgebung herausgerissen und sie zu ihrem Volke, zu sich selbst hinausgeführt. Noch andere sind schließlich durch eine wirklich lebendige Religiosität auf den einzig fruchtbaren Weg, sie zu betätigen, gewiesen worden. Aber es gibt noch eine weitere Gruppe von jungen Menschen, mit denen es schon schwieriger ist, sich auseinanderzusetzen. Das sind jene, die dieselben Erlebnisse wie wir hatten, die ebenfalls enttäuscht und entwurzelt wurden, aber daraus nun ganz andere Schlüsse zogen. Sie leiteten entweder aus ihren Erfahrungen die Unfruchtbarkeit jeder Gemeinschaft überhaupt und die Schalheit jeder idealistischen Bewegung ab, oder aber schoben alles auf die Nachteile der nationalen Bindung als solcher und gaben sich internationalen Bestrebungen, zum Beispiel dem Sozialismus, mit aller Intensität ihrer jüdischen Seele hin. Diese jüdischen Weltbürger sind so echt« Juden, daß man im Grunde keine Sorge um sie zu haben brauchte, denn setzen sie nicht die Reihe der Männer fort, die seit Moses über Jesaia, Jesus Christus, Spinoza, Marx, Lasalle bis zu Eisner und Trotzki ihre prophetische Aufgabe darin sahen, ihren Mitmenschen soziale Gerechtigkeit zu predigen und vorzuleben? Nur zwei Dinge müßten sie bedenken, ehe sie sich ihrem immanente« Drange nach sozialer Betätigung ganz hingeben: einmal, daß ein* wahre Internationalität Nationen voraussetzt, daß ein wahres Weltbürgertum zunächst ein irgendwie national verankertes Bürgertum (im schönsten Sinne) bedingt, daß die konzentrischen Kreise, Mensch, Familie, Volk, Menschheit, notwendige Ringe und Grenzen unseres Individualismus sind, die man nicht sprengen darf, ohne doch wieder die Substanz des eigenen Ichs zu gefährden, daß Goethe, der größte Weltbürger aller Zeiten, nicht nur im Deutschtum, sondern sogar im engeren Frankfurter Dialekt sprachlich und seelisch zutiefst verankert war und nur dieser gesunden Wurzelhaf tigkeit wegen alles Getriebe von Zeit und Welt überragen konnte. Und zweitens mögen sie überlegen, ob es niefit ihre erste Pflicht wäre, die sozialen Nöte ihres eigenen, jüdischen Volkes zu studieren, und ob es für einen Sozialisten eine herrlichere Aufgabe geben könne, als Palästina sozialistisch aufzubauen, als ein Land gerecht und wirklich sozial zu gestalten, im dem nichts erst niederzureißen ist, alles jungfräulich und frisch wartet auf die Erfüllung, die da kommen soll. Der zweiten Gruppe aber, den Enttäuschten und Verärgerten, von allem Idealismus Abgestoßenen und der Menschheitsaufgaben Uebersatten möge unser junger Kampfesmut, unsere neue Hoffnung ein Ansporn sein, den Gedanken an das Gute im Menschen noch einmal aufleben zu lassen und nicht innerlich alt zu werden, solange noch ein Weg unversucht blieb, der tätigste und freudigste Jugend verspricht. Berlin-Grunewald Ernst Simon 3 45