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Jüdische Turn- und Sportzeitung · 1919-01-01 · I (1919) · p. Seite 44

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Journal
Jüdische Turn- und Sportzeitung
Volume
20 (1919)
Issue
I (1919)
Date
1919-01-01
Page
Seite 44 (sequence 44)
Language
German
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Leid zusammengeführt wurden, lernten wir bald die positiven gegenseitigen Werte kennen; endlich fühlte man sich verstanden, warm aufgenommen und in einer Atmosphäre, die nicht fremd und rauh war. Und wie wurde dies alles noch gesteigert bei den jüdischen Feldgottesdiensten, die wir mitmachen durften; bei diesen rührend schlichten Feiern, bei denen uraltheilige, nie vorher von uns erlebte Symbole plötzlich zu lebendigen Verbildlichungen des eigenen Schicksals wurden; wie griff es uns ans Herz, wenn am Sederahend die ganze Gemeinde sich erhob, alle die Grauhaarigen und Jungen, Aerzte und Landsturmleute, Infanteriekorporäle und Artillerieeinjährige spontan aufstanden, gewaltig zusammengeschweißt durch einen gemeinsamen Willen, als die Worte erklangen die wir nun verstehen gelernt hatten: „Dieses Jahr Knechte, nächstes Jahr freie Männer, dieses Jahr hier, nächstes Jahr in Jerusalem." Hier war die Gemeinschaft, die wir unser ganzes Leben gesucht hatten. Obwohl wir verstandesgemäß viel weniger von ihr wußten und kannten als von der deutschen, obwohl uns äußerlich manches fremd und seltsam erschien, war es uns doch im Geheimen irgendwie schon lieb und vertraut. Tief verborgene und doch so gewaltige Ströme in unserer Seele, deren beglückende Macht wir weder gekannt noch geahnt hatten, raunten uns die Bedeutung dieser alt-neuen Formen zu, so daß wir bald in ihnen lebten und atmeten. Wir hatten unsere Heimat wiedergefunden, wir waren wieder Juden geworden. Wir hatten das Judentum zutiefst als die einzige nationale und religiöse, menschliche und kulturelle Gemeinschaft erlebt, die für uns paßte, hatten es erkannt als die einzige Möglichkeit, uns aus unserer schmerzlichen Vereinsamung zu befreien, uns einzustellen in eine beglückende Gesamtheit, ohne unser Niveau herabzudrückeh, ohne Kompromisse und Schachergeschäfte mit dem Besten zu machen, was in uns war. Wir hatten nun in Wahrheit erfahren, daß nur eins unsere Seele erlösen kann, eins, das unzweifelhaft über allen Phrasen steht: das Blut. Wir waren nun Zionisten, zunächst ohne es zu wollen und zu wissen. Aber bald lernten wir, daß der einzige Weg, der unser Volk aus seiner unglückseligen geistigen, seelischen und materiellen Dualität herausführt, der Weg nach Zion ist, und daß wir ihn gehen müssen, zum mindesten geistig, wenn irgend möglich aber auch körperlich, mit allem, was wir sind und haben. Nun waren wir erlöst mit wirklicher Männlichkeit; mit der Sicherheit des Menschen, der seinen Platz in Zeit und Ewigkeit kennt. Ich weiß wohl, daß dieser Weg ein höchst subjektiver ist und daß viele von uns Jungen ganz anders zum Zionismus gekommen sind. Abgesehen von dem ungeheueren Glück des Ostjudenerlebnisses haben auch manche durch eine sehr starke und sehr jüdische Kriegsfeindschaft, durch einen Greuel vor Mord und Gewalt den Weg zu unserem verfeinerten und menschlichen Idealis- 44

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