Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Journal
- Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Volume
- 20 (1919)
- Issue
- I (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 43 (sequence 43)
- Language
- German
- Belongs to
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aus. Unterdessen war die Stimmung in Heer und Heimat schon längst tief hinabgesunken, Schiebung und Drückebergerei machten sich bei Juden und Nichtjuden breit, und wenn wir nun doch irgend etwas Jüdisches in unseren ungeminderten Kriegswillen hineinlegten, so war es die schon einmal angedeutete apologetische Tendenz, den anderen zu beweisen, daß wir doch nicht so schlimm seien. Aber nun war die traumhafte Selbsttäuschung auf ihrem Höhepunkt angekommen und es bedurfte nur noch eines geringen äußeren Anstoßes, um all unsere gekünstelte Sicherheit zerbrechen zu lassen. Dieser Anstoß war die Judenzählung. Sie war es uns nicht deshalb, weil wir durch Zurücksetzung in der Beförderung und sich immer mehr häufende antisemitische Vorfälle schon mürbe gemacht waren, erst recht nicht deshalb, weil sie ein offizieller Beweis für die Ausnahmegesetz-Tendenzen war, sondern weil sie so wie wenige Amtshandlungen des alten Regimes wirklich trotz aller Proteste eine durchaus populäre Sache war, realer Ausdruck der realen Stimmung. Aller Meinung ging dahin, daß wir fremd waren, daß wir daneben standen, besonders rubriziert und gezählt, aufgeschrieben und behandelt werden müßten. Der Traum von Gemeinsamkeit war dahin, mit einem furchtbaren Schlage tat sich vor uns zum anderen Male die tiefe, nie verschwundene Kluft auf, die nicht durch gemeinsames Leiden und Bluten, nicht durch gemeinsame Sprache und Arbeit, nicht einmal durch gemeinsame Zivisilation und Gesittung überbrückt werden kann, die Kluft, die jenseits von Schuld und Verfehlung, von gutem oder bösem Willen liegt, die naturgegebene Voraussetzungen hat und ihrer Natur nach keinen Berechnungen noch so scharfsinniger Art zugänglich ist. Dies alles traf uns nun mit der vollen Schärfe eines fürchterlichen Erwachens: wir waren zum zweiten Male entwurzelt. Unsere seelische Lage war wieder, wie einst auf der Schule, verschärft nur durch die ungeheure Enttäuschung, doppelt fühlbar durch die schlimmen äußeren Verhältnisse, die nun kein Schwung und Idealismus mehr milder ansah. Wir schwebten vollkommen haltlos in der Luft, zwei Kreise tangierend, beide berührend, in keinem heimisch, also seelisch steril: eindimensional. Unsere ganze Lebenskraft und Schaffensfreudigkeit drohte zu zerbrechen, unser junger Mut endgiltig seniler Resignation oder plumpen Betäubungsversuchen zu weichen, wenn sich nun nicht der zweite große Lebenskreis geöffnet hätte, dem wir entstammten und zu dem wir zurückkehrten: wenn nicht das Judentum liebend seine Arme ausgebreitet hätte, um uns trostreich zurückzuempfangen. Wir waren nun dazu reif, das Judentum als etwas Positives zu erleben, nun endlich den Sinn unserer jahrelangen inneren Leiden kennen zu lernen und tausendfach dafür belohnt zu werden. Mit geöffneter Seele genossen wir das Glück des Zusammenlebens mit jüdischen Kameraden. Auch wenn wir zunächst nur durch das gemeinsame 3 43'