Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Journal
- Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Volume
- 20 (1919)
- Issue
- I (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 42 (sequence 42)
- Language
- German
- Belongs to
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würden, das unzweifelhaft über allen Phrasen steht: durch das Blut. Aber bald begann Enttäuschung sich leise zu rühren. Wir schoben sie zunächst unwillig fort, mit einer zugleich zaudernden und energischen Handbewegung, mit einem innerlich schon erweckten Wissen vom Ende unseres Traums und einer doppelten äußeren Entschiedenheit, ihn weiter zu leben. Nicht die kleinen und großen Plackereien der Vorgesetzten waren es, die uns erbitterten; auch gelegentliche antisemitische Vorfälle nahmen wir nun nicht so ernst wie auf der Schule, da wir sie nicht zur Herstellung unseres seelischen Gleichgewichts, sozusagen als Ventil unserer unterdrückten jüdischen Aktivität ausnützten, wie das früher geschah. Denn nun war ja unser ganzer Tatwille auf ein neues höheres Ziel gerichtet: auf Deutschland, das uns in seinem Kampfe immer herrlicher und leuchtender erschien. Aber eine andere Tatsache traf uns schon schwerer. Als wir beim Fahneneid, den wir trotz des meist verständnislosen Unfugs der Kameraden höchst ernst nahmen, eine andere Formel sprachen als sie, und als wir beim ersten Weihnachtsfest verstummen mußten bei ihren Liedern, fremd und plötzlich ernüchtert dabeistanden bei ihrer Ergriffenheit, und dann erst wieder bei dem zweiten Teil der Feier, die einen heiter-obscönen Charakter annahm, uns auf einer Basis mit ihnen zusammenfinden konnten. Ja, in der Tat; soweit ging unser Wille, uns einzugliedern, daß wir all die ästhetische Ethik des Elternhauses bald vergaßen und — wenn auch nur für kurze Zeit — auf das Niveau obscöner Witze und genußreich formulierter Kraftausdrücke herabsanken, ein Niveau, das im Grunde unser ganzes Erleben schon schamhaft degradierte. Aber wir wollten um alles in der Welt nicht aufwachen, wollten nicht sehen: Du bist anders. So zählten wir voller Freude jeden Gleichgültigen und sogar Widerwärtigen, der uns — meist wohl durch kleine Geschenke an Zigaretten veranlaßt — mit Vornamen nannte; so demütigten wir unsere Seele so tief, wie man sich nur vor Leuten demütigen kann, die unter den eigenen Anlagen und Möglichkeiten stehen. Und es bedurfte stärkerer Schläge, um uns endlich zur Erkenntnis unserer Lage zu bringen. Zunächst waren die ersten Wochen des Feldkrieges eine Erfrischung, eine Neubelebung des Rausches, eine Verzögerung des Erwachens aus schönem Traum. Wir fanden in der Gefahr und in ihrem Bestehen eine Art Ersatz für die Stimmung der ersten Kriegstage, maßen unser Glücksgefühl an der Intensität der seelischen Schwingungen, die wir durchmachten, fühlten uns den Kameraden näher und glaubten nun endlich hineinzuwachsen in das Leben dieses fremden und geliebten Volkes. Wenn wir verwundet wurden, so legten wir in das Mysterium des warmen, fließenden Blutes die erhebende Auslegung hinein, daß dieser lebendige Saft uns nun auf ewig den Brüdern verkitten würde und gingen, froh und fast sicher in uns selbst, zum zweiten Male hin- 42