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Jüdische Turn- und Sportzeitung · 1919-01-01 · I (1919) · p. Seite 41

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Turn- und Sportzeitung
Volume
20 (1919)
Issue
I (1919)
Date
1919-01-01
Page
Seite 41 (sequence 41)
Language
German
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knaben zu erinnern, der zu den Geburtstagen der anderen nicht eingeladen wird, klopfenden Herzens darauf wartet, ob er von dem blonden Kameraden nicht doch noch eine Karte bekommt und dann weinend, schlechthin aufgelöst nach Hause rennt. — Später, ebenso lind noch schmerzlicher einsam, weil es nun bewußt war, als geistiger Führer der Klasse oder aber als Führer der Streiche, die sich gegen die Lehrer richteten, nie jedenfalls normal verwurzelt im geregelten Leben der Gewöhnlichen, immer irgendwie herausgehoben, dagegen gestellt, einsam und frierend, gespornt und gehemmt» gestoßen und aufgehalten von der qualvollen, unerklärlichen, nirgends lebendig fundierten Tatsache: Jude sein. Die glücklichsten Stunden waren die, in denen man sich wegen antisemitischer Pöbeleien herumschlug, da hatte man wenigstens etwas Positives, eine Tat als Kompensation für die dauernde seelische Sonderstellung, die sonst nichts Beglückendes an Formen und Gebräuchen, Festen und Erinnerungen voll farbiger Wärme mehr bot. Der uns eingeborene idealistische Trieb — unterstützt zumeist durch eine oft vorhandene, europäisch-berlinisch gefärbte Kulturmischung des Elternhauses — tobte sich literarisch oder künstlerisch, musikalisch oder sozial, produktiv oder kritisch aus, ließ uns /wischen größenwahnsinniger Selbsterhöhung und dekadenter Selbstzerfleischung qualvoll taumeln — nicht im seligen Auf und Nieder des wirklich Produktiven, des Genies, sondern in der elektrisch gespannten Polarität des Kopfmenschen, der noch im Rausche rechnet und noch im Unglück darüber glücklich ist, daß er überhaupt eines so intensiven Gefühls fähig «ein kann. In dieser seelischen Lage traf uns der Krieg. Nichts Politisches war er uns, nicht die Frage der Kriegsschuld, kaum die d*>s siegreichen Ausganges beschäftigte uns am stärksten, wir empfanden vor allem das ungeheure Erlebnis, das berauschende Glück, endlich einmal alle Bindungen unseres komplizierten Ichs vergessen zu dürfen, endlich einmal als bedeutungsloses Teilchen, nls Einer von Millionen und Abermillionen mitschwimmen v\\ dürfen in dem großen Strome vaterländischen Schicksals. Wesentlich aus diesen Stimmungen heraus stellten wir uns als ki'iegsfrt iwillig und nahmen zunächst alle Unbilden und Leiden des •Soldatonstnndes mit dem heißen Willen hin, jede nebensächliche Kleinlichkeit durch unseren Schwung zu heiligen, jede geringste, unwürdigste und lächerlichste Dienstleistung durch unsere seelische Einstellung zu ihr als einen unentbehrlichen Teil einer großen, würdigen, flammenden Sache aufzufassen. Gleichzeitig erfüllte sich uns mancherlei Sehnsucht, die wir wohl auch mit unseren germanischen jungen Kameraden gemeinsam hatten: der •n-ang nach einem vollen, wirklichen und ernsthaft genommenen Mannesleben, in dem wir für unsere Taten nun endlich selbst einstehen und unsere Seele durch das einzige Zeugnis erlösen 3 4P

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