Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Journal
- Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Volume
- 20 (1919)
- Issue
- I (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 40 (sequence 40)
- Language
- German
- Belongs to
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"in lebendiger Berührung mit der jüdischen Masse, ihr Volk als Volk — selbstverständlich und ohne viel Nachdenken — zu finden, daß ich vielmehr hier nur ganz schlicht erzählen will, wie ich aus einem völlig entjudeten Aestheten zum Zionisten wurde. Wenn ich den Mut zu dieser Beichte habe, so fließt er aus dem Bewußtsein, daß meine Entwickelüng typisch für die manches jungen Juden ist, und bei vielen anderen als typisch auch für sie empfunden werden wird, sowie diese Dinge erst einmal überall mit der letzten Entschiedenheit ganz zu Ende gedacht sind. Es ist heute wirklich keine Ausnahme mehr, daß aus einem völlig assimilierten Elternhause, in dem keinerlei jüdische Formen mehr eine Rolle spielen, in dem bestenfalls eine menschlichästhetische, oft nur eine bourgeoise und materielle Erziehungstendenz vorherrscht, daß aus solchem Milieu Jungen und Mädchen erwachsen, die sich nicht nur ihrer Zugehörigkeit zu ihrem jüdischen Volkstum tief bewußt sind, nein, die sogar ihr ganzes Leben auf diese Verknüpfung einstellen, die wirklich wieder — in einem neuen Sinne freilich — anbeten, was ihre Väter schon verbrannten, die wieder gelernt haben, den stolzen Nacken eines erzüchteten und also unfreien Individualismus unter die planvolle, segensreich-schöpferische Notwendigkeit des Gesamtwohls zu beugen. Diese Entwickelüng, die dem oberflächlichen Betrachter zunächst als ein Rückschritt erscheinen mag, in Wahrheit aber die Voraussetzung für jeden kulturellen (niöht zivilisatorischen) Fortschritt enthält, dieser Weg von einer „umfassenden Humanität" zur engen Begrenztheit des Judentums und von dort aus wieder zu einem nun richtig verstandenen, nun wirklich sinnvoll-freien Weltbürgertum, diese Linie seelischer Genesis folgt ganz bestimmten äußeren und inneren Gesetzen und Vorbedingungen. Und dies wird die Rechtfertigung der nachfolgenden Ausführungen sein: zu zeigen, wie die äußere und scheinbar zufällige Tatsache des Krieges eingewirkt hat auf die innere Gestaltung unserer Struktur, wie durch das Ineinanderwirken der verschiedensten Elemente schließlich doch etwas wie eine Einheit, eine jüdische Einheit entstanden ist. Als der Krieg ausbrach, wußten viele von uns, die wir heute zu der jungen Mannschaft des Zionismus gehören, noch nichts vom Judentum. Fremd und feindlich hatte uns die bloße Tatsache dieser Gebundenheit in der Schule oftmals berührt. Nie hatten wir so knabenhaft losgelöst von allen Hemmungen wie die Mitschüler uns ihren Spielen hingeben dürfen, immer ein wenig beiseite gestanden, entweder verachtet, weil wir körperlich minderwertig erschienen, beneidet, weil wir etwa zu gut im Unterricht Bescheid wußten oder bei den Schulfeiern Gedichte aufsagen „durften", auch wohl verlacht, wenn wir etwa kraushaarig und sommersprossig waren, immer jedenfalls irgendwie fremd, abgestoßen und unnormal. Wer weiß sich nicht des kleinen Juden- -10