Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Journal
- Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Volume
- 20 (1919)
- Issue
- I (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 30 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/6492385-5965061-5965385-5965402--387-4922883- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Rückhalt und den persönlichen Zusammenhang bietet, der dem Menschen in seinem tief wurzelnden Geselligkeitsbedürfnis unentbehrlich ist. In ihr erstarkt und menschlich erneuert, beginnt man wieder, dem eigenen Empfinden zu trauen, Werturteile nach dem eigenen angeborenen und erworbenen Bedürfnis zu fällen,, und man kann eigene Maßstäbe an Umwelt und Mitmenschen legen, weil man anfängt, aus der eigenen jüdischen Persönlichkeit heraus solche zu finden. Der Mut zum eigenen Leben erwacht, und jetzt erst wird eigentlich aus der nationalen Idee nationales Leben mit eigener, Formen schaffender Kraft, es schickt sich an, in rastlosem Fluten die beengenden fremden Formen fortzuspülen, um aus dem ihm immanenten Bedürfnis nach Begrenzung eigene neue an ihre Stelle zu setzen. In unserer studentischen Gemeinschaft wächst die Erkenntnis für das Mißverhältnis zwischen Inhalt und Form, das Bedürfnis nach Harmonie der Lebensführung steigt und das erstarkte jüdische Gefühl will sich nicht mehr in ein ihm wesensfremdes Gewand hineinzwängen lassen. Immer krampfhafter wird das Bestreben, die Lebendigkeit unseres Geistes in diesen Formen und ihre Verdienste um unsere Gemeinschaft zu betonen, bis die Erkenntnis sich durchringt, daß unser Bestes, unser natürliches Empfinden sich gegen diese Beengung aufbäumt und daß warmes pulsierendes Leben sie unterspült und vernichtet. Die Interpretation und die geistige Fundierung unseres Nationalismus erweckt das Verständnis für die unlösliche Verknüpfung unserer nationalen Aufgabe mit den Postulaten sozialer Ethik. Palästina soll ein Land jüdischer Freiheit werden, der jüdische Arbeiter soll dort nicht die äußere mit der inneren Knechtschaft vertauschen, keine Kasten- und Klassenwirtschaft vorfinden sondern eine freie Gemeinschaft aller Schaffenden und Arbeitenden. Aus dieser Erkenntnis heraus mußte uns ein Ehrgefühl völlig unverständlich und bekämpfenswert erscheinen, das die Menschen nach Geburts- und Bildungsvorrechten in ehrenhafte und unehrenhafte, in satisfactions- und nichtsatisfactionsfäbige einteilt, das das Ehrempfinden innerhalb der eigenen Gesellschaftsklasse überfeinert, dem Außenstehenden gegenüber vergröbert und zu Kastenhochmut und Klassendünkel bewußt erzieht. Unsere Ehrlichkeit und unser Wahrhaftigkeitsbedürfnis sträubten sich dagegen, weiter ein Prinzip anzuerkennen, dessen Unwert uns bewußt war, ja das wir verachteten, das den Bevorzugten den befleckten äußeren Ehrenschild durch eine theatralische Zeremonie abwaschen läßt, ohne sich um seine innere Ehre, seine menschliche Ehrenhaftigkeit zu kümmern. Diese verschrobenen und verzerrten Ehrbegriffe» die mit wahrer Sittlichkeit und wirklicher Ehre nur wenig gemeinsam haben, entsprachen unserem Bedürfnis nach innerer 4 Ehrenhaftigkeit nicht. Unsere wachsende Erfahrung lehrte uns, daß die Mensur nicht einmal eine Mutprobe ist, daß keine freie 30