Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Journal
- Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Volume
- 20 (1919)
- Issue
- I (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 29 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/6492385-5965061-5965385-5965402--386-4922882- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
die Ehre des Nebenmenschen, die sich ja durch einige auswendig gelernte Phrasen mit einer darauf folgenden öffentlichen Fechtschaustellung wiederherstellen ließ, leichtfertig gefährdete; Mensuren mit Juden, die einen sehr großen Prozentsatz der überhaupt geschlagenen Mensuren ausmachten, obgleich sie uns als nicht zweckentsprechend und lächerlich von vornherein gekennzeichnet waren, stellen eine Verirrung dar, die nur dadurch erklärlich ist, daß dieForm Selbstzweck wurde, daß ein ungesunder Mensurtrieb die Mensuren als solche wünschenswert erscheinen ließ. Viele Zeit,, die wir für unsere jüdische und menschliche Erziehungsarbeit notwendig gebrauchten, wurde auf Mensuren, Ehrengerichte und Fechten verwandt, ohne daß uns diese Tätigkeiten dafür entsprechende Werte vermittelten. Nicht einmal als Mittel für die von uns erstrebte körperliche Ertüchtigung kam das Fechten ernstlich in Betracht, da seine sportlichen Qualitäten infolge der einseitigen Ausbildung der Muskulatur, die es bewirkt, verhältnismäßig gering sind. So entstanden, allmählich sich verstärkend, Strömungen im Kartell, deren Träger von der Brauchbarkeit eines großen Teils der korporativen Formen und besonders des Satisfaciionsprinzips für unsere Erziehungsarbeit nicht mehr überzeugt waren und die Erneuerung unserer Gemeinschaftsformen sich zum Ziel setzten. Zugleich mit dieser rein negativen, den Wert des Bestehenden verneinden Komponente wirkte eine positive und fortschrittliche, die ich als die V e r b r e i t e r u n g u n d E r s t a r - kung des jüdischen Lebensstromes bezeichnen möchte. Der anfangs nur leise rieselnde Quell jüdisch-nationalen Geistes wächst sich zum Strome aus, die Idee erwacht zum Leben und beginnt, ihre Träger menschlich zu erneuern. Der unsichere und haltlose Jude der Assimilationsperiode, der der Welt fremder Begriffe unkritisch gegenübersteht und ihren Einflüssen hilflos ausgesetzt ist, findet mit dem Erfassen seiner eigenen nationalen Bindung und seiner individuellen Determiniertheit allmählich auch sich selbst und seine Sicherheit wieder. Die mißgeleiteten, nachempfundenen, aus ängstlichem Vergleichen und unechtem Bedürfnis nach Andersartigkeit geborenen Gefühle werden überwunden, die ursprünglichen und wahrhaftigen freigelegt und gepflegt. Das unnatürlich erhöhte und überschätzte Heldenbild des blondhaarigen und blauäugigen Siegfried wird mit ruhigen, kritischen Beobachteraugen betrachtet, die schwarzhaarigen Makkabäerhelden und die Kaftan tragenden Chassidim werden mit warmer Liebe als ein Stück des eigenen Ichs empfunden. Man antizipiert sich Palästina, den eigenen Boden und das eigene nationale Gemeinwesen, indem man sich zu einer jüdischen Gesellschaft mit lebendiger, nationaler Stimmung zusammenschließt, hier eine Stelle des wirklichen geistige» und seelischen Auslebens schafft und in ihr dem Einzelnen den 3 29