Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Journal
- Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Volume
- 20 (1919)
- Issue
- I (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/6492385-5965061-5965385-5965402--368-4922864- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
gekneipt oder geturnt, gefochten oder gerudert, gewandert' oder gelernt wird, überall muß Ordnung, Disziplin und freiwilliges Sich-Einfügen herrschen, überall muß Respekt bezeugt und verlangt, überall die Grenze vor der anderen Persönlichkeit erkannt und gewahrt, das dem Juden oft abhanden gekommene Distanzgefühl geweckt, das Betragen des Emporkömmlings beseitigt werden; nirgends mehr darf Sicherheit des äußeren Auftretens der Firnis sein, unter dem sich innere Hohlheit verbirgt, nirgends mehr soll überlautes Schreien die innere Unsicherheit verdecken. Zum ersten Male in der Korporation sieht der junge Student, daß eine Generation nach der anderen am nationalen Werke baut und fruchtbar Fortwirkendes schafft. , Diese dringend nötige Erziehungsarbeit, die vom Elternhause zwanzig Jahre lang verabsäumt wurde, in wenigen Semestern zu leisten, ist nur die Korporation mit ihrem selbstgeschaffenen und darum leicht zu tragenden Zwange imstande, einem Zwange, der durch jugendlichen Frohsinn erleichtert wird und den der einzelne kaum empfindet, weil die ganze Gemeinschaft von jugendlichem Schwung beseelt ist und der Führer sich nicht als Lehrer fühlt, sondern als älterer Kamerad. So wird die Disziplin der Korporation nicht als Last empfunden, sondern als die selbstverständliche Vorbedingung für die Erhaltung der Ordnung, Die gemeinsame Tradition einigt auch die Generationen, die einander persönlich kaum noch kennen, und trotz der Unterordnung umschlingt alle ein Freundschaftsband, das ihnen das starke Gemeinsamkeitsgefühl und die Elastizität gewährt, wie es keine andere Organisationsform vermag. Auch Menschen, die, individualistisch gerichtet, jeden Zwang aus der Gemeinschaft ent-, fernen wollen, kehren zu den von ihnen anfangs verworfenen Formen zurück, sobald sie ihre Wirkung über den nächsten Kreis ihrer Mitmenschen hinaus auf größere Kreise richten, und es ist — um ein äußerlich scheinendes Beispiel anzuführen — nicht nur lächerlich und widerspruchsvoll, sondern auch lehrreich, wenn die Vertreter der Freien Studentenschaft — Halbwichs anziehen. Des Zusammenhangs wegen habe ich die paritätischen Verbindungen, die F. W. V. und die Freie Studentenschaft zusammen behandelt; chronologisch folgt auf die Gründung der F. W. V. die Gründung des K. C. („Kartellconvent der Tendenzverbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens"): Juden, die einsahen, daß das Prinzip der Parität unter den heutigen Verhältnissen für den Juden nur eine Eselsbrücke sein kann, schlössen sich zu- < stimmen. Das Verdienst des K. C. ist es, zum ersten Male in größerem Maßstabe an deutschen Universitäten Juden — und zwar programmäßig nur Juden — zusammengerufen zu haben; es ist weiter das Verdienst des K. C, das jüdische Selbstbewußtsein in Deutschland angeregt zu haben in einer Zeit, in der es im