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Jüdische Turn- und Sportzeitung · 1919-01-01 · 2 (1919) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Turn- und Sportzeitung
Volume
20 (1919)
Issue
2 (1919)
Date
1919-01-01
Page
[Seite] (sequence 16)
Language
German
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zieren und vertiefen.- Das Jüdische ist das Gefäß, die Ausdrucksform für unser Menschsein (nicht nur die Station, wie ich selbst einmal irrtümlich sagte). Wie aber der einzelne, bei aller großen Eigenart, Mensch ist, also die besondere Hülle oder die Wurzel für sein Menschsein ist, so das vervielfachte Individuum, „das Volk." Dazu soll uns also — mit dem Buber- Wort — Palästina verhelfen: Mensch sein und es jüdisch sein. Wissenschaftlich ausgedrückt: Wir erstreben den Aufbau eines jüdisch-sozialistischen Staates. Das ist der Wegweiser für das jüdische Volksheim: jüdische und sozialistische Tätigkeit. Durch den Gegensatz der Begriffe Sozialismus und Philantropie, Volksarbeit und Wohltun erkennen wir mühelos die Melodie des Volksheims. Wohltätigkeit ist Strümpfestopfen für arme Kinder, ist Essen austeilen, Märchenvorlesungen veranstalten, ist Lektüre, Kurse, Vorsingen. Wohltätigkeit ergreift nur eine bestimmte Seite des Menschen, soziale Arbeit geht auf den Menschen als Ganzes. Und wenn wir selbst Lektüre, Lesezirkel, Speisehallen, Handwerks-, Lernkurse etc, alle erfaßbaren Gebiete uns zum Tätigkeitsfeld wählten, den andern Gedrückteren zur Verfügung stellten, wir ergriffen den Menschen nur in der Aufeinanderfolge all seiner Seiten nicht in seiner Gesamtheit. Der Philantrop gibt, der sozial Arbeitende schafft mit den «Objekten" gemeinsam. Es ist nicht so daß sie zu uns kommen, sondern wir kommen zueinander. Im gemeinsamen Lernen, wechselseitigen Geben und Nehmen und vereinten Neufinden geschieht die Arbeit, geschieht ein vereintes Sich-selbst-Schaffen, Aufbauen. Nicht Beschäftigung ist Aufgabe des Volksheims, sondern lebendiges Wirken, nicht Betätigung in lauter Einzelnem, sondern leben in einem organischen Ganzen. Wohltätigkeit ist Kinderhort, soziale Arbeit ist Volksheim. Ein Heim des Volkes soll es sein, alle Möglichkeiten des täglichen Daseins müssen sich in ihm wiederfinden, alle Lebensregungen heißt es auszuschöpfen. So geht der Akademiker und gebildete Kaufmann zum Arbeiter, Handwerker und Händler. Gemeinsam ist beiden nun Geist und Handarbeit, Lesen und Singen, Spielen und Diskutieren. Sie richten eine Gemeinde auf, an der jeder Teil hat und einer für den andern ist. Die Konsumgenossenschaft der ganzen Kolonie, Theater, ärztlicher Beistand, Rechtshilfe, Mutterschutz, Säuglingspflege, das Dorfgelände, usw. sind der Ausdruck ihres Staats- und kulturellen Lebens. Wir haben uns an der amerikanischen Siedlungs (-Settlements-) Be* wegung gebildet, unsre Siedlung muß aber ihre eigne Note haben, denn sie ist eine jüdische, eine Siedlung, welcher der Boden erst bereitet werden soll. So führt das jüdische Volksheim den Akademiker zum Proletarier, den Westjuden zum Ostjuden. Es ist behauptet worden, daß jede jüdische Gemeinschaft, gleichviel aus welchen jüdischen Teilen sie sich zusammensetzt, wenn sie fern von fremden Einflüssen ist, ein jüdisches Leben führe — ein jüdisches Leben führe, sogar wenn sie lediglich von fremdvölkischen Einflüssen gespeist wird. Es gäbe eine geheime jüdische Urkraft in uns, die alles, was wir in uns aufnehmen, jüdisch forme. Wir brauchen nur an die Dinge herangehen, wir können getrost sein, daß wir Goethe, Confucius, Tolstoi jüdisch lesen. Ueberflüssig sei es aber, sich intensiver bejuden zu wollen. Die in Deutschland zuerst den Gedanken 16

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