Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Journal
- Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Volume
- 20 (1919)
- Issue
- 2 (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Unaufdringiichkeit muß nach meinem Geschmack der Grundton der viei empfohlenen, aber auch viel gefürchteten Heimabende" sein. Wie oft ist mir schon voller Angst gesagt worden: „Ich könnte keinen Heimabend leiten. Ich wüßte garnichts mit den Mädchen anzufangen". In dieser Behauptung liegt der Grundfehler. Wohl ist die Eignung zur Leitung von Heimabenden von gewissen Qualitäten abhängig. Liebenswürdigkeit und Gewandtheit im Umgang mit Menschen dürfen dabei nicht fehlen, aber sie allein genügen nicht. Ein bestimmtes Maß von Allgemeinbildnng und ein Fonds von jüdischen Kenntnissen sind notwendige Forderungen. Eine so ausgerüstete Leiterin darf jedoch nicht der Auffassung sein, nun einseitig belehren zu müssen. Sie muß den Mädchen geben nach ihrem Verlangen. Mindestens die erste halbe Stunde oder Stunde eines solchen Beisammenseins, sollte darum immer der persönlichen Unterhaltung gewidmet sein. Und wenn einmal ausnahmsweise die ganze Zeit damit verstreicht, so ist es gewiß auch kein Unglück. Die Leiterin muß nur wissen, die rechten Grenzen zu ziehen; in Klatsch darf diese Art der Unterhaltung nicht ausarten. Wird sie geschickt gelenkt, so wird sie ganz selbstverständlich und zwanglos in die Behandlung allgemeiner Fragen übergehen. Gerade in unserer jetzt so bewegten Zeit, der sich niemand, auch nicht der Gleichgültigste, entziehen kann, sollte ein solcher Uebergang nicht schwer fallen. Und von dem Geschick der Leiterin wird es wieder abhängen, daß man nun nicht verweilt bei Erzählungen von Schießereien, von Verkehrshindernissen, sondern daß die Dinge in den Vordergrund treten, yon denen jüdische Mädchen zu allererst unterrichtet sein müßen. Wenn jetzt die Frauen das Wahlrecht haben, so ist es natürlich an der Zeit, darüber zu sprechen, warum wir uns an der Wahl beteiligen müssen, und nach welchem Gesichtspunkt wir sie vorzunehmen haben. Von der Aussprache über allgemein politische Angelegenheiten wird man sehr leicht auf die besondere Lage der jüdischen Gemeinde zu reden Kommen. Unsere Mädchen müssen mit der bisherigen Verwaltung unserer Gemeinden bekannt gemacht werden; sie müssen ihre Mängel einsehen lernen und mobil gemacht werden für den Kampf, der sich vielleicht als notwendig herausstellen wird. Um ein anderes Beispiel zugeben: In dieser Zeit der Selbstbesinnung und Selbstbestimmung aller Nationen werden die Mäachen einer Debatte «ber den Gedanken des jüdischen Volkes sehr zugänglich sein; man *ird sie mit Leichtigkeit interessieren können für den jüdischen Kongreß «n Deutschland. — Es ist hier nicht der Raum, zu zeigen, wie das im einzelnen auszuführen ist. Aber das ist auch kaum nötig. Jede Nummer der »Jüdischen Rundschau", unsere vielen Zeitschriften, der »Jude*, der »Jüdische Wille", „Jerubbaal", und die Jüdischen Monatshefte", bieten, nchtig benutzt, reichlich Stoff, um den Mädchen über die augenblicklichen Verhältnisse Klarheit zu verschaffen. Das aber ist meine Meinung, daß von «er Gegenwart ausgegangen werden muß. Vom Bekannten zum Unbekannten, ist ein bewährter Grundsatz der Pädagogik. Erst durch die Verknüpfung des Selbsterlebten mit der Vergangenheit kann diese auch zum Erlebnis werden. Es ist unklug, sich mit Mädchen, die an sich noch kaum etwas vom Zionismus gespürt haben, hinzusetzen und Bücher zu lesen. Uie Teilnahme an dem pulsierenden zionistischen Leben unserer Zeit wird m ihnen schon den Wunsch erwecken, zu wissen, wie das alles gekommen