Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Journal
- Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Volume
- 20 (1919)
- Issue
- 2 (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/6492385-5965061-5965383--049-4922837- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
kommt, der wird sich meist bald sehr wohl fühlen in der jüdischen Umgebung, er wird nicht mehr, wie er es vielleicht vorher getan hätte, in einen allgemeinen Verein gehen wollen; er wird stolz darauf sein, daß auch Kinder seines, gerade in dieser Hinsicht so oft verspotteten Volkes ihren ganzen Willen daran setzen, die körperlichen Kräfte zur Entfaltung zu bringen, und daß dieser Wille zu Leistungen führt, die überall ihre Anerkennung finden müssen. Mit der Achtung vor den jüdischen Menschen wird seine Achtung vor dem jüdischen Volke zunehmen und er wird sich schließlich zu ihm bekennen, nicht nur offen, sondern mit Wärme. Die Worte „Jude" und „Jüdisches Volk" werden allmählich ein ganz eigenes Gefühl in ihm auslösen, und sein Herz wird höher schlagen, wenn er dafür eintreten kann, aus welchem Grunde auch immer es sei. So wird das Interesse in ihm wach werden, sich auch sonst mit jüdischen Fragen zu beschäftigen und tiefer einzudringen in das Leben und Werden der Gemeinschaft, der er sich näher fühlt. Und da darf der Verein nicht müssig zusehen, er muß noch andere Mittel zu finden wissen, damit der Boden, der gut vorbereitet ist, die erwünschte Frucht trägt. Er muß verstehen, den Neuling ganz zu erfassen, daß er schließlich dahin kommt, nur in dieser Gemeinschaft leben zu wollen, und für ihre Ziele seine ganze Kraft zur Verfügung zu stellen. Aber wohlverstanden — ich muß darauf noch einmal mit aller Energie hinweisen, weil gerade in letzter Zeit so merkwürdige Anschauungen darüber im Umlauf sind: Das Turnen darf nicht nur als Mittel zum Zweck betrachtet werden, als Lockmittel, um'Material zu zionistischer Bearbeitung zusammenzubekommen. Es ist Selbstzweck und muß deshalb immer im Mittelpunkt des Interesses bleiben. Es darf keinesfalls an zweite Stelle genickt oder gar schließlich mit Rücksicht auf andere Veranstaltungen ganz ausgeschaltet werden. Eine solche Meinung macht sich leider jetzt an manchen Stellen bemerkbar. Aber so handeln,. hieße einsichtslos auf die höchsten Erziehungswerte verzichten. Welches aber sind die Hilfsmittel, auf die wir nicht verzichten können, wenn wir ganze Arbeit leisten wollen? Vor allem muß das Streben dahingehen, die Beziehungen der Vereinsmitglieder wahrhaft freundschaftlich zu gestalten. Es muß ihnen Gelegenheit zu möglichst häufigem Beisammensein gegeben werden. Außer ein bis zwei Turnabenden in der Woche müssen Wanderfahrten und Sportnachmittage festgesetzt werden, und Zusammenkünfte in einem behaglich eingerichteten Vereinsheim müssen stattfinden. Und überall muß ein so lebendiger Geist herrschen, daß derjenige, der einmal daran teilgenommen hat, in Zukunft nur dann fernbleibt, wenn die äußerste Notwendigkeit es von ihm fordert. Das Wesentlichste wird dabei sein, daß die jeweiligen Führer es verstehen, die andern nicht als Belehrungsobjekte zu betrachten, sondern mit ihnen zu verkehren von Mensch zu Mensch. Gerade für Mädchen ist das besonders wichtig. Sie sind in der Mehrzahl unglaublich dankbar, wenn man ihnen ihre großen und kleinen Leiden tragen hilft, wenn man teilhat an ihren großen und kleinen Freuden. Ein nach Neugier schmeckendes Ausfragen hat damit nichts zu tun. Jede Aufdringlichkeit wäre dabei von Uebel. Mädchen erschliessen sich von selbst, wenn sie sehen, daß ihnen ein wirklich aufrichtiges Interesse entgegengebracht wird. Sie wollen sich gern mit Rat und Tat helfen lassen, und für die Leitung kann es kaum eine schönere Befriedigung geben.