Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Journal
- Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Volume
- 20 (1919)
- Issue
- 1 (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/6492385-5965061-5965382--037-4922826- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ihnen großzügig und. altrussisch dünkt, während sie die Tendenz des Deutschen, die Umwelt nach einem Sinne zu beeinflussen, für kleinlich und egoistisch halten u. a. m. Die zunehmende innere Bindung an das Russentum hängt mit dem unleugbaren Nachlassen dei religiösen Bindung zusammen. Sie ist durchaus nicht etwa auf die politisch indifferenten Schichten beschränkt, sondern erstreckt' sich auch auf die nationalistisch gesinnten, in geringerem Grade selbst auf die zionistisch gesinnten Kreise. Bei der Bewertung des reinen Nationalismus als eines die Assimilation bindenden Faktors müssen wir sehr kritisch sein. Bei den deutschen Juden hat das Bekenntnis zum Nationaljudentum eine völlige Lösung von der bisherigen geistigen Grundlage zur Bedingung und führt den Betroffenen — da jüdische Massensiedlungen in Deutschland nicht bestehen und somit ein national-kulturelles Eigenleben unmöglich erscheint — mit Notwendigkeit zum Zionismus. Diese Entwicklung löst den Willen zur Gestaltung der jüdischen Zukunft aus und hemmt die aus der Umwelt einwirkenden Assimilationstendenzen. Für den nationalen Ostjuden, dem in seiner Umgebung bei Polen, Litauern, Balten usw. das Fordern nationaler Rechte eine vertraute Erscheinung war und der in jüdischen Massensiedlungen aufwuchs, war der Nationalismus entweder von vornherein gefühlsmäßig vorhanden oder wurde in kurzer, schmerzloser Entwicklung erreicht und führte nur bei einem kleinen Teile bis zum Zionismus. Nur bei diesem kleinen Teile bildete sich jenes Maß nationaler Energie, welches dem Eindringen der Assimilation das überhaupt im Golus erreichbare Maximum an Widerstandskraft entgegensetzt. Bei den nicht bis zum Zionismus gelangenden Elementen dagegen setzt sich der Assimilationsprozeß, nur mäßig gehemmt durch den nationalen Gedanken, fort. Diese russische Orientierung der litauischen Juden führt nun nicht etwa dazu, jene uns deutschen Juden innerlich zu entfremden, sondern im Gegenteil zum Erkennen fundamentaler seelischer Uebereinstirr.mungen. Wenn wir deutschen Juden Gelegenheit hatten, die alte Generation — etwa die Leute von 60 Jahren an aufwärts, die von der Assimilationsbewegung nur in Ausnahmefällen erfaßt waren — kennen zu lernen, so empfanden wir wohl tiefen Respekt vor der Stärke ihrer religiösen Empfindung, die ihr tägliches Leben durchdrang, wir beobachteten fast neidvoll die innere Ausgeglichenheit dieser Menschen, die im ruhigen Besitze der ihnen überkommenen rein geistigen Kultur alle äußeren Erscheinungen des Lebens, aber auch all die Gedanken- und Gefühlsreilien, die uns die Welt der Gegenwart zu bestimmen scheinen, reaktionslos an sich abprallen ließen. Jedoch waren wir uns deutlich bewußt — auch die orthodoxen Elemente unter uns — daß wir diese in die Vergangenheit weisende, von der nichtjüdischen Umwelt bewußt sich isolierende Geistesrichtung nicht teilten, sondern uns in unüberbrückbarem Gegensatz zu ihr befanden. Bei den jüngeren Elementen dagegen fanden wir als Folge der Assimilation jene Erschütterung des seelischen Gleichgewichtes, jene innere Zwiespältigkeit, jenes heiße Bemühen, die aus der Vergangenheit überkommenen jüdischen Werte nicht zu verlieren, aber doch an dem Geistesleben der Gegenwart und der Umwelt teil zu nehmen — wie bei uns. Dort, wie bei uns, fanden wir jenen erschütternden Gegensatz zwischen der alten und der jungen Generation, der bei uns Juden der Gegenwart unvergleichlich schärfer aus- 1 13