Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Journal
- Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Volume
- 20 (1919)
- Issue
- 1 (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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müter diesem Ziele zuwendet, kommt der ökonomische Druck, der die Massen des Ostens aus ihren bisherigen Wohnstätten forttreibt, dazu die ständige Lebensgefahr in jenen Ländern. Und so besteht die Wahrscheinlichkeit, daß ein gewaltiger Strom unserer Volksgenossen Er ez Is'rael zuströmen wird. Da erhebt sich die Frage: Ist Palästina schon weit genug entwickelt, um mit einem Male große Menschenmassen aufzunehmen? Ist jeder jüdische Auswanderer geeignet, nach Palästina zu gehen? Wohin sollen unsere Volksgenossen gehen, wenn Palästina, seiner jetzigen Entwicklungsstufe nach, überfüllt wird oder soweit sie sich für Palästina in seiner heutigen wirtschaftlichen Verfassung nicht eignen? Hier ergeben sich Probleme von außerordentlicher Tragweite. Es wird die Pflicht des gesamten jüdischen Volkes sein, hier helfend und regelnd einzugreifen. Das Problem der jüdischen Wanderung muß von uns allen gelöst werden; keinesfalls können wir uns auf eine andere Nation, auch nicht auf die Engländer, verlassen und die Hände in den Schoß legen. Unsere Hoffnung ist, daß dereinst einmal Palästina soweit entwickelt sein möge, daß es, im Verein mit den umliegenden Ländern, das ganze jüdische Volk möge aufnehmen können. Noch aber ist es nicht so weit. Noch ist es nötig, daß jüdisches Leben in der Diaspora sich kräftig rege und daß die Landsmannschaften sich überall organisieren zur Erhaltung und Bewahrung jüdischen Volkstums. Der deutsche jüdische Kongress, der im Frühling tagen wird und zudem jeder deutsche Jude wahlberechtigt sein wird, soll dem ganzen deutschen Judentum die Möglichkeit geben, sich zusammeln, zu organisieren und die wahrhaft-jüdischen Forderungen zu verkünden. M, Der Weg zu den Ostjuden.*) Bei den im besetzten Litauen verbliebenen Juden fiel zunächst folgendes auf. Die Akademiker sowie die wohlhabenden Kaufleute in den Oroßstädten gebrauchten als Umgangssprache im Familien- und Geschäftsverkehr vorwiegend das Russische, die mittleren und unteren Schichten der Großstadtbevölkerung das Russische neben dem Jidischen, die Bevölkerung der mittleren und kleinen Städte vorwiegend das Jidische, daneben in geringem Umfange das Russische. Durchweg war vor dem Kriege die Tendenz zum Gebrauch des Russischen im Zunehmen begriffen, nur die Besetzung des Landes durch die Deutschen und das Eintreten des Deutschen als Behördensprache bewirkten eine gewaltsame Unterbrechung. Dieses Vordringen der russischen Sprache ist das objektive Merkmal für das Vordringen des russischen Geistes in das litauische Judentum und umso bemerkenswerter, als die persönlichen Beziehungen zwischen Juden und Russen in Friedenszeiten — mit deutschen Verhältnissen verglichen — minimal waren. In weiten Kreisen der litauischen Judenschaft können wir ein Hinneigen zur russischen Literatur, Musik und bildenden Kunst feststellen. Starke Sympathien bestehen für den russischen Volkscharakter, z. B. für die berühmte Weite der russischen Seele, in der gegensätzliche Empfindungen in urzuständlicher Ungeklärtheit friedlich ineinander verschwimmen, für den Geist des „nitschewo" (es ist gleich), dessen Passivität *) Fortsetzung des Artikels aus dem Dezemberheft. \1