Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Journal
- Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Volume
- 19 (1918)
- Issue
- [o. Nr.] (1918)
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/6492385-9367557-5965380--014-4922801- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Schließlich, als es schon Spät war, kamen die ganz Jungen zu Wort. Ihre Unzufriedenheit über diesen Tag war groß. Sie suchten Arbeit und man gebe ihnen *nichts als Theorie. Dabei bekämpfte sich die Richtung Walter Moses, die im Blau-Weiß sehr stark ist, mit diversen anderen Richtungen. Jetzt merkte man wenigstens, daß Jugendtag sei. Doch es ist der Jugend und gerade der am besten denkenden, selten gegeben, sich klar und gerade von der Tribüne eines großen Saales auszudrücken. Dazu ist das Problem des Jüdisch-Lebens so schwer auch fijr alle Aelteren, die es ernst damit meinen; und so hörte man nunmehr viel Gestammel. Schöner wurde es nur noch, als die Referenten das Schlußwort bekamen. Die Tribüne stand voll von jungen Menschen, Freunde hielten sich umfaßt. In ihrer Mitte sprach Martin B u b e r, jetzt endlich klar, allen verständlich, mahnend, kein Junger mehr, aber ein Jugendlicher, geliebter Lehrer. Er warnte noch einmal vor dem „Futurismus", der die europäische lügend zur Rebellion treibt. Uns führt diese Art ganz fort von unserm Volkstum. Wir kommen, wenn wir mit der Vergangenheit brechen, zum Nichts. Mag es Einzelne geben, die in Palästina, in der jüdischen Gemeinschaft, in der hebräischen Sprache leben und arbeiten, gestattet sein, alles fortzuwerfen, was ihnen nicht mehr paßt. Wir sind keine Ketzerrichter und lassen jeden leben, wie er es will. „Uns andern aber ziemt es nicht, leichten Herzens zu leben" Am nächsten Morgen hielt Walter Moses sein Referat über die Vorbereitung auf Palästina. Er malte schwarz in schwarz: Nur. eine verhältnismäßig kleine Zahl Aerzte, Beamte, Ingenieure seien drüben am Platze. Von Akademikern hätten nur Lehrer eine Zukunft. Die industriellen Möglichkeiten seien gering. Wenig Raum sei für Kaufleute. Und nur dem Landwirt stehe ein weites Feld offen. Die Vorbereitung für diesen Beruf müsse aber schon hier einsetzen. Er berichtete von vielen Vorarbeiten und hoffnungsvollen Anfängen der erforderlichen Berufsumschichtung. Er ermete viel Dank für seine Aufrichtigkeit. Vielen schien er allzu vorsichtig. Die beurteilten die Situation nach den politischen Zukunftsmöglichkeiten, aber ohne jede sichere Grundlage. Die Jugend will drüben keine Sicherheit im Sinne der gutbürgerlichen Position. Aber sie will vorher wissen, was sie drüben arbeiten kann, und will die eine Sicherheit haben, daß sie nicht bald wieder das Land verlassen muß, weil sie ungeeignet ist, dort zu leben. Julius Berger, der propagierte, sich vom Idealismus hinübertreiben zu lassen, stieß auf den entschiedenen Widerstand des ganzen Saales. Es bedurfte nicht erst der liebenswürdigen Ausführungen der Frau Meisel-Schochat, uns allen klai zu machen, welcher Art drüben das Leben ist. Es ist garnicht so schwer, sagte sie, wie man sich das hier vorstellt. Man lebt einfach, aber man hungert nicht. Man hat sein Auskommen, seine Arbeit und die Möglichkeit, glücklich zu sein. Calvary ergänzte Moses Referat: Es sei vielmehr Platz drüben, als Moses glaube. Man solle doch auch an die Volksschuljugend denken. Es gebe z. B. noch keine Handwerker drüben, viele Volksschullehrer seien notwendig. Einen glühenden Appell richtete Rubaschoff an den Jugendtag, nicht die sozialistischen Ideale außer Acht zu lassen, nicht der Idee wegen, sondern weil eine Kolonisation in Palästina, die nicht darauf aufbaut, von vornherein zum Scheitern verurteilt ist Der Jugendtag war also recht ernst und es herrschte keine jugendliche Ausgelassenheit. Das Fest in Drewitz, das vorgesehen war, mußte 12