Mannheim
Compact Memory

Jüdische Turn- und Sportzeitung · 1918-01-01 · [o. Nr.] (1918) · p. Seite 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Turn- und Sportzeitung
Volume
19 (1918)
Issue
[o. Nr.] (1918)
Date
1918-01-01
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/6492385-9367557-5965380--013-4922800
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Weg zum Jüdischen finden werde, wenn sie in Palästina der großen Arbiet am Aufbau unseres Volkes hingegeben sein werde. Er sprach für die, die hinübergehen, während er die andern vergaß. Er betonte so sehr die Unzulänglichkeit aller Arbeit hier, die auf Erfüllung mit jüdischen Werten geht, daß man glauben mußte, er lehne sie völlig ab. So entstanden zahllose Mißverständnisse, zumal die meisten Menschen, selbst die feinsten Köpfe,* allzu leicht der Gefahr erliegen, einen Gegner sofort zu klassifizieren. Wir konnten viel Verwandtes begrüßen: Freude an Körperlichkeit, Freude an der Natur. Aber vieles uns Fremde war darin. Hier war also allerhand mißlungen. Nicht besser gelang das Sportfest. Schlecht organisiert, mangelhaft vorbereitet usw. Den Reigen der Referate am Montag früh eröffnete Calvary, mit der großen Anklage: „Hat Palästina seinen Platz in unserm Herzen? Nein! Haben wir uns dem Hebräischen hingegeben? Neinl Und was ist unsere neue Gesinnung? Worte ohne Inhalt!- Unerfüllt ist unsere Sehnsucht nach jüdischem Leben. Wir können nicht den Weg der Orthodoxie gehen. Aber wir können auch nicht losgelöst nur mit Hilfe eines sogenannten Menschentums zu unserm Ziel kommen. Es muß an das Gegebene geknüpft werden. Es ist unmöglich, sich selbst untreu zu werden. Ziel unserer Erziehung ist der Imperativ: „Werde, was Du bist!" Um unser Leben jüdisch zu gestalten, brauchen wir die jüdische Sprache, mehr aber noch die jüdische Form, die wir der religiösen entlehnen müssen. So groß ist unsere Not, daß wir ihr gehorchen müssen selbst auf Kosten der Aufrichtigkeit. Wir müssen die schönsten Formen auswählen, vor allem aber die Gemeinschaftsformen, z. B. die Synagoge, den Seder. Jüdisches Wisse, tut uns dringend not, unserer Jugend also zumeist die jüdische Schule. Ueber Calvarys Referat herrschte allgemeine Befriedigung, weniger über das gleich anschließende vons Buber zu dem Thema: „Religion". Wieder sprach er melir als 2 Stunden, wieder sagte er erfreulich Schönes, wieder wurde er nicht verstanden, und schließlich wußte kein Mensch mehr, daß hier ein Jugendtag sei. Nach der Mittagspause plätscherte der Bach der Referaten lusüg weiter Oster tag (Breslau) sprach über Erziehung. Man darf wohl annehmen, daß alle diese klugen Erwägungen uns fesseln werden, wenn sie uns in ruhiger Stunde schriftlich vorliegen. Dort interessierten sie nicht. Da entschloß sich die Leitung, das nächste Referat zurückzustellen, um erst diskutieren zu lassen. Aber die Geleise der Diskussion waren durch die Referate in der einen Richtung festgelegt und es gab nichts weiter als die vielfältigste Variation des Themas: Wie leben wir jüdisch. Den Standpunkt der Gesetzestreuen legte Dr. Barth dar und erntete riesigen Applaus. Ob seine Forderungen wirklich so viele Anhänger im Saale hatten, kann bezweifelt werden. Der Beifall galt wohl mehr seiner außerordentlich sympathischen Art, der stolzen Sicherheit seines Auftretens und der liebenswürdigen Form der Polemik. Ihm sind alle religiösen Formen nationale, selbst das Gebet ist kein individuelles Reden zu Gott, sondern ein Bekenntnis der Nation. Jede Auslese von Formen sei ein Verbrechen, kein Stein ist zu lockern, solange wir noch nicht in Erez Israel sind. Das sei der sicherste Wall gegen die Assimilation. Unterbrochen wurde die Diskussion durch das Referat Arlosoroffs über Hebräisch, das auf die weitere Diskussion ohne Einfluß blieb. Ii

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.