Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Journal
- Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Volume
- 1916-1918
- Issue
- Fünfte Kriegsnummer (September 1918)
- Date
- 1918-09-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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kein „Sanatorium“ für den „kranken“ jüdischen Volkskörper, ist nicht bloß ein Gesundungsfaktor. Die einseitige Betonung der rein körperlichen Förderung ist vielleicht der Grund, daß die Turnbewegung nicht die Anziehungskraft hat, wie die ersten Jahre der Entwicklung hoffen ließen und daß sie in den zionistischen Kreisen nicht die Beachtung fand, die sie verdient. Rein körperlichen Fragen konnte eine Jugend, die vorwiegend geistig orientiert ist, sehr leicht eine gewisse Geringschätzung entgegenbringen. Den Wert der Turnbewegung erblicke ich nicht in der gesundheitlichen, sondern in der erzieherischen Wirkung auf die ihr zugängliche Masse des jüdischen Volkes. Diese erzieherisdhie Wirkung beruht auf der Tatsache, daß jede köiper,iche Betätigung zugleich eine Betätigung des Willens ist; jede Körpererziehung somit eine Willensdeutung. Man! muß nicht notwendig ein Anhänger der Lehre Schopenhauers von der völligen Identität von Körper und Willen sein, um anzuerkennen, wie eng beide miteinander verknüpft sind. Jede bewußte Körperbewegung ist zugleich ein Willensakt und jede körperliche Höchstleistung im selben Maße eine Höchstleistung der Willenskraft. Hier ist der Punkt, an dem Körper und Geist Zusammentreffen, und das alte „mens sana in corpore sano“ kann treffend übersetzt werden mit „Nur im gesunden Körper wohnt ein gesunder Wille.“ Wie sehr Körperpflege und Erziehung auch für das Volksempfinden Zusammenhängen, erhellt aus der Tatsache, daß man die Leibesübungen nach den drei Möglichkeiten der Erziehung eingeteilt hat. Die Unterscheidung in Erziehung durch die Verhältnisse und Umgebung; methodische Schulung durch einen Erzieher, und die bewußte Selbsterziehung, entspricht genau der Einteilung der Leibesübungen in Spiel, Turnen und Sport. Das Spiel ist der nachgebildete Kampf des wirklichen Lebens, Partei steht gegen Partei. Es erzielt unbewußt den Willen durch die Kampfesbedingungen. Eine höhere Stufe nimmt das Turnen ein. Hier führt der Turnleiter, der Erzieher, den Zögling zur bewußten und methodischen Schulung des Willens durch dauernde Steigerung der Anforderungen. Den höchsten Grad der Willensschulung stellt aber der Sport dar. Wahrer Sport will überhaupt nur Willensschulüng, bewußte Selbsterziehung des Willens sein, die Förderung des Körpers ist nebensächlich und wird durchaus nicht immer erreicht. Es ist nun kurz zu befeuchten, worin, die Willenserziehung besteht. Bei der Ausführung einer Leibesübung muß man innere und äußere Widerstände überwinden. Jeder weiß aus Erfahrung, welche starke inneren Widerstände, Gefühle der Unlust, Ermüdung, Bequemlichkeit und Bedenklichkeit man z. B. bei einer persönlichen Höchstleistung überwinden muß. Der äußere Widerstand, d. h. der Gegner oder die gestellte Aufgabe, zwingt, zwecks Bewältigung, zur Steigerung der Leistungen. Leibesübungen erziehen also zu Selbstüberwindung und ziu Tatkraft und Energie. Welchen Einfluß diese Erziehung des einzelnen auf eine Gesamtheit, auf ein Volk haben kann, ersehen wir augenfällig aus dem Beispiel Amerikas und Englands. Hier hat der Sport, ohne jede ausgesprochene nationale Tendenz, dem Volkstypus seine besondere Eigenart verliehen. Vielleicht ist die sprichwörtliche Energie dieser Völker zum Teil ein Produkt dieser zielsicheren Wilensschulung der Einzelnen. Diese Möglichkeit der Steigerung der Tatkraft eines ganzes Volkes, erlangt eine besondere Bedeutung, wenn das Volk vor einer großen