Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Journal
- Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Volume
- 1916-1918
- Issue
- Fünfte Kriegsnummer (September 1918)
- Date
- 1918-09-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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6 No. 5 durch die Pflege der Leibesübungen. Man hielt sie für ein wesentliches Mittel, die bestehenden Schäden am jüdischen Volkskörper, die man mit einem Schlagwort als Degeneration bezeichnete, zu heilen. Die jüdische Turnbewegung sei also mit ihrem Ziel ein wesentliches Mittel zu einer körperlichen „Renaissance“, die man aus nationalen Gründen für wünschenswert erachtete. Es war nur konsequent, diese nationale Grundlage unserer Bestrebungen von je zu betonen, und das Bekenntnis zum Nationaljudentum von jedem der Mitglieder zu verlangen. Diese Argumentation war unabhängig von allen anderen nationalen Konsequenzen und der kleine Ausschnitt der körperlichen Förderung aus der größeren Aufgabe der gesamten nationalen Wiedergeburt, konnte von den verschiedensten Richtungen gebilligt werden. Bei einer Kritik dieses Gedankenganges ist es zunächst erforderlich, die Uebertreibung, die in der gegensätzlichen Formulierung durch die Schlagworte Degeneration und Renaissance, Entartung und Wiedergeburt begangen wurde, zurückzuweisen. Gegen die Feststellung einer körperlichen Degeneration ist man schon früher aufgetreten. Ich erinnere an einen Artikel Professor Loewes in einem der älteren Jahrgänge der Turnzeitung, der eine körperliche „Entartung“ energisch bestritt. Es soll hier nicht die tatsächliche Verkümmerung der körperlichen Entwicklung der Juden bestritten werden. Ein Vergleich mit dem robusten Typus eines bodenständigen Volkes zeigt diese Schwäche ebenso augenfällig wie viele statistische Tabellen. Aber unter Entartung versteht man etwas Weitergehendes, etwas Unheilbares, außerdem verknüpft man mit diesem Begriff gewohnheitsgemäß eine moralische Wertung, die hier nicht beabsichtigt ist. Ebenso ist die Ertüchtigung, die durch die Pflege der Leibesübungen erreicht wird, noch lange keine Regeneration, keine Wiedergeburt. Die Heilung der tatsächlichen Schäden kann durch Körperübungen nicht einmal wesentlich gefördert werden; denn Leibesübungen können nur Gesundes entwickeln und kräftigen, nicht aber Krankes heilen, sie sind ein Vorbeugungsmittel, kein Heilmittel. Hier sind andere Momente, wie die soziale Lage und die berufliche Gliederung von weit größerem Einfluß. Wie für alle modernen Völker die Pflege der Leibesübungen, in rein hygienischem Sinne, die Aufgabe hat, die Einseitigkeit der immer weiter schreitenden Berufs- und Arbeitsteilung auszugleichen und die Schäden der städtischen Lebensweise zu mildern,, so kann auch für uns Juden der gesundheitliche Wert der Leibesübungen nur in dieser Richtung liegen und nur dem Gr aide nach notwendiger (sein. Sehen wir also von jeder Uebertreibung ab, so .bleibt als Kern der alten Argumentation eine körperliche Ertüchtigung, die für die Juden besonders notwendig erscheint. Zusammengefaßt finden wir diesen Standpunkt etwa in der Werbeschrift des Ausschusses der Jüdischen Turnerschaft: „Die körperliche Renaissance der Juden“. (Berlin 1909). Mit einer solchen Begründung ordnen wir aber die Turribewegung in die Reihe der Bestrebungen ein, die lejdiglich eine Gesundung des Volkes bezwecken, etwa die der Alkoholgegner, usw. und für spezielle jüdische Zwecke, des Vereins zur Förderung des Ackerbaues unter den Juden Deutschlands, der Ferienkolonien und Heilstätten. Es genügt diese sicherlich verdienstlichen Bestrebungen zu nennen, um die Richtung zu erkennen, die die rein gesundheitliche Begründung bestimmen würde. Mit Recht hat der letzte Turntag Anträge, die in strenger Konsequenz dieser Einseitigkeit, die jüdische Turnbewegung zu einer Hygienebestrebung stempeln wollten, abgelehnt. Die Turnbewegung ist