Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Journal
- Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Volume
- 15 (1914)
- Issue
- 4 (Juli 1914)
- Date
- 1914-07-01
- Page
- Seite 109 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 4 109 (zwischen Sichron-Jacob und Petach-Tikwah) glänzend; die Temperatur wie bei uns im Juli. Leider konnten wir auch in diesem Jahr die kilhien Morgenstunden nicht genügend ausnutzen, weil ein früher Aufbruch unseren Quartiergebern Umstände zumutete, gegen die sie merkwürdigerweise flehentlich protestierten. Die sauerste. Arbeit wurde wohl bei dem sechsstündigen Aufstieg von Migdal nach Rosch-Pinah in praller Sonne und auf dem zwölfstündigen stark verregneten Küstenmarsch von Chedera nach Petach-Tikwah geleistet, obwohl in beiden Fällen das Gepäck von Tieren und Trägern befördert wurde; im allgemeinen mußte diese Wohltat von jedem, der sie an Anspruch nahm, teuer erkauft werden. Ernstere Erkrankungen sind im Gefolge der Marschanstrengung nicht aufgetreten, aber fast jeder, auch die Kräftigsten, mußten einen Tag oder einige Stunden der Ermattung dem veränderten Klima und den veränderten Lebensverhältnissen opfern. Alles in allem: Es gibt keine bessere Art, durch Palästina, besonders durch das jüdische Palästina zu reisen, als die Fußwanderung, vor allem für uns: Wanderfahrten unternimmt man im Vaterland, in der Heimat, dort, wo nm wirklich das Land liebt, das den Bauern ernährt und dort, wo einem auch der geringste Strauch, dem Fremden gleichgültig, beachtenswert erscheint. Jedes Volk wandert durch sein Land und wird fröhlich dabei, wenn es überall die Saat aus dem Boden schießen und die Früchte an den Bäumen prangen sieht. Wir jüdischen Turner wandern durch Palästina! Hier nach langen Zeiten hat der verlorene Sohn, der wandernde Ahasver, zur Mutter Erde zurückgefunden. Im leibhaftigsten Sinne: Deshalb ist uns nach unserer Fahrt nicht das Land teuer — als politischer Begriff, — nicht die türkische Provinz, die zu einer „völkerrechtlich gesicherten Heimstätte“ werden soll, — nicht die I d e e Palästinas, sondern vor unserem Auge tauchen nacheinander gewisse sonnendurchleuchtete Landschaften auf, wir sehen Dörfer, im üppigen Grün der Plantagen wie untergetaucht, der schwere Duft von Orangenblüten erfüllt die Luft, die laute Ausgelassenheit eines ,,Rondo“-tanzgesanges*) klingt in unserm Ohr. Wir haben das Land gesehen, die Schönheiten, die auch der Fremde aufsucht und bewundert: Die grüne Bucht von Haifa mit dem Carmelabhang, an dem sich die Stadt emporrangt, wie Triest an die zum Meer abfallenden Südalpen, das wundervoll von den galilälschen Bergen eingefaßte Juvel des Tiberiassees, das auf einem Hügelplateau präsentierte Panorama Jerusalems vom Oelberg aus, von dem man andererseits über ein vielfältiges nacktes Felsengebirge hinweg in einer einzigartigen Erdsenke das Tote Meer erblickt. — Aber nicht deswegen sind wir durch das Land gewandert, nicht der Sehenswürdigkeiten wegen — nicht weniger galt uns üie Acker-Krume! — wir wollten mit der Bevölkerung im Lande einige Wochen verleben, täglich wo anders — und doch überall zu hause. Wir kamen auf den Gutshof der Arbeiter in Merchavja und setzten uns nicht nur mit ihnen zum Abendessen, wir nahmen einen Abend an ihrer Sorge um einige seuchenkranke Rinder teil, wir griffen auf den Feldern zur Sense und freuten uns mit dem Manne, de'm das reife Körn, nach den Mühen t*er Aussaat und Pflege, auf einen Slcheischnltt als Beute zufällt. Wir Plauderten mit dem jüdischen Wächter in den Weinbergen, trafen uns mit den *) Beliebter jüdischer Volkstanz ln Palästina.