Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Journal
- Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Volume
- 15 (1914)
- Issue
- 3 (Mai/Juni 1914)
- Date
- 1914-05-01
- Page
- Seite 83 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 3 83 Bezweifelt werden; daß er national orientiert ist, werden wir ihm nicht zum Vorwurf machen. Aber er ist ein Beispiel, an dem wir zeigen können: das ist der Geist, den wir nicht meinen. Nur selten bricht ein hellerer, freundlicherer Gedanke durch: friedliche Scheidung in gegenseitiger Achtung und Anerkennung. Im großen und ganzen •st dieser Nationalismus auf eine dunkle Formel abgestellt: Germanomanie. Die Urteile über das Judentum sind so sehr vom Geiste Philipp Stauffs erleuchtet, daß jede richtige Beobachtung aus dem Rahmen fällt. Die theoretische Grundlage ist der Rassenstandpunkt, und niemand sieht ihre Schwäche. Von den feineren Erkenntnissen des Nationalismus, die gerade der zionistischen Literatur zu verdanken sind, weiß man nicht. Ebensowenig oder fast nichts von der jüdischen Renaissancebewegung selbst. So ist der Gesamteindruck ein trüberl Und wenn man liest, wie etwa germanische Sittlichkeit und jüdische Unsittlichkeit, germanische Ehrlichkeit und jüdische Verlogenheit gegenübergestellt werden, so muß man bei diesem Mangel an Objektivität und tieferem Verständnis daran zweifeln, daß diese Menschen die Bringer einer neuen Kultur sein können, für die sie sich halten. Unterdessen rückte der Bundestag des Wandervogels heran. Die Zwischenzeit benutze das Zentralvereinsblatt noch schnell dazu, um gegen den Jüdischen Wanderbund „Blau-Weiß“ das vielleicht schon etwas abgegriffene Wort von der „freiwilligen Rückkehr ins Ghetto“ zu schleudern! Zu dieser „freiwilligen Rückkehr“ entschloß sich aber auch, unbekümmert um seinen mächtigen Protektor, der neutrale Jugendbund in Berlin. Bf gründete — unter Berufung auf den Antisemitismus des Wandervogels — eine Schülerwanderabteilung. Das wäre gleichgültig, wenn er nicht gleichzeitlg ein Rundschreiben verbreitet hätte, das unwahre Behauptungen über den „Blau-Weiß" enthält. Dieser Angriff ist interessant, weil er zeigt, daß der neutrale Jugendverband seine Reserve immer mehr aufgibt und entschlossen ist, Jugendorganisationen, die er für zionistisch hält, offen zu bekämpfen. Sachlich muß aber erwidert werden: es ist unrichtig, daß der Wanderbund „Blau-Weiß“ zionistisch ist und parteipolitischen Zwecken dient. Allerdings wählt er seine Führer aus der zionistischen Jugend aus, weil er glaubt, daß sie die Elite der jüdischen Jugend Ist. Weil Opportunisten und solche, die sich als Ausgeschlossene, Ins Ghetto Zurückgestoßene fühlen, mit unseren Jungen nicht fröhlich, nicht Wanderführer sein können, sondern n«r die, die aus freiem, freudigem Entschluß die jüdische Gemeinschaft wählen- Allen Führern ist aber Jede direkte oder indirekte zionistische Propa- Kanda streng untersagt, und .dieses Verbot wird bei uns heiliger gehalten, als die Neutralität im Jugendbund. Und Ostern war Wandervogeltag in Frankfurt a. 0.1 Die Osterglocken läuteten, man war ernst und feierlich gestimmt, und in dieser Stimmung, in der man alles genau so sagt, wie man es meint, beschloß man debattelos: »Der Wandervogel“ (E. V.) ist auf Grund seiner Satzungen in politischer und konfessioneller Hinsicht neutral. Die Bundesieitung hat darüber z« wachen, daß die Satzungen beachtet werden. Sie kann also unter keinen Umständen dulden, daß von Gauen oder Ortsgruppen allgemeine Beschlüsse gefaßt werden, die dahin lauten, daß Juden grundsätzlich nicht auf- «enommen werden. Sie wird alles tun, um zu verhindern, daß im „Wanderv°gel“ die Religion oder die Rasse der Juden beschimpft werden. Anderer-