Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Journal
- Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Volume
- 15 (1914)
- Issue
- 3 (Mai/Juni 1914)
- Date
- 1914-05-01
- Page
- Seite 82 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/6492379-5965026-5965367--409-4922589- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
82 No. 3 um ihren Qeist zu erlassen? Das wird wohl in den allerwenigsten Fällen zutreffen. Was soll ich denn mit diesen Sprachkenntnissen?, werden unsere Turner fragen. Ich weiß doch die hebräischen Ausdrücke für „rechts um“ und „links um“ zu unterscheiden, ich kenne jedes Kommando meines Büchleins schon auswendig; wozu brauche ich denn zu wissen, wie sich Zukunft und Vergangenheit im Hebräischen unterscheiden, wann ein Wort männlich und wann weiblich ist, ja warum soll ich denn Quadratschrift lesen lernen? Ich trage doch alle Kommandos, die Vorkommen, in deutscher Schrift in der Tasche, genügt denn das nicht für uns? So eingeführt wird das hebräische Kommando nicht Mittel zum Zweck, sondern Selbstzweck sein. Es wird uns nicht nur nicht anfeuern, Hebräisch zu erlernen, sondern wir werden glauben, wir könnten schon genug. — Jedoch eine Konzession muß man machen. Ein hebräisches Kommando für Turner, die nicht seinen Sinn, sondern nur seine Bedeutung verstehen können, kann auch seine Berechtigung haben. Als wir in Wien einmarschierten in die „Hohe Warte“, umbraust von dem Jubel Tausender der Söhne unseres Volkes, die gekommen waren, um uns zu sehen, als wir zeigten, daß die Körperkraft, die so lange geschlummert hatte bei uns Juden, wieder wachgeworden war aus ihrem Schlafe und wieder Wunder schaffen wird, ja, dort hätten wir jüdischen Turner den 15 000, die uns umgaben, zurufen sollen: Seht, auch der Qeist unseres Volkes hat sich erneut, auch unsere Sprache lebt wieder. Sie ist nicht nur die Sprache, in der man beten kann, sondern sie feuert uns auch an zu mutiger Tat. Das wäre eine Propagierung des Hebräischen gewesen, wie man sie sich größer und eindrucksvoller kaum vorstellen kann. Berechtigung hat ferner das Hebräische als Kommandosprache ln denjenigen Ländern, in welchen es keine einheitliche Sprache gibt. Im deutschtschechischen Böhmen, in Galizien, wo man schwankt zwischen polnisch, deutsch und iiddisch oder in der Türkei, wo sich türkisch, französisch und spanisch die Wage halten, dort sei uns das Hebräische das Qemeinsame. Wo diese Verhältnisse vorliegen, da zögere man nicht mit der Einführung des Hebräischen. Wo dies nicht zutrifft in Deutschland, Westösterreich usw., da sollten wir uns erst dann von unserer bisherigen Sprache trennen, wenn uns das Hebräische nicht nur Kommando spräche sondern auch Turner spräche sein kann. Nicht nur die Kommandos seien dann hebräisch, jedes Gespräch zwischen Kommandierenden und Kommandierten, ernste Ermahnung und aflfeuernder Zuruf, unsere Lieder, unsere Sitzungen, auch diese Zeitschrift sei hebräisch. Stecken wir uns dieses Ziel. Manche national-jüdische Organisation hat es heute schon fast erreicht. Jüdische Turner, lernt Hebräisch, die hebräische Turnsprache wird Euch ein Lohn sein! Neues vom Wandervogel. Seitdem an dieser Stelle zum letzten Male vom Wandervogel berichtet wurde, sind neue antisemitsche Hefte der „Führerzeitung“ erschienen. Ihre Lektüre sei allen empfohlen, die sich für die Psychologie des Judenhasses interessieren. Gewiß, an dem Idealismus der Wandervogelführer kann nicht