Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Journal
- Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Volume
- 15 (1914)
- Issue
- 1 (Januar/Februar 1914)
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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12 No. 1 Uebrigens weiß Herr Anonymus selbst recht gut, daß die Zionisten niemals d i e Rabbinner und Religionslehrer mißachtet haben — sind doch in ihren eigenenRcihen viele Hunderte als wackerste Mitstreiter —, sondern nur jenen ganz gewissen Typus des Rabbiners, dem sie mit Recht einen großen Teil der Schuld am Verfall des jüdischen Lebens zuschreiben. — Aber was kümmert das unsern Jongleur! Es genügt ihm, mit frommem Lächeln zu konstatieren, daß „von den vielen Nationaljuden in der he ran wachsenden Rabbinergeneration der allergrößte Teil sich frühzeitig anderen Berufen zuwendet“. Wir wollen ihm dazu dreierlei verraten: Erstens ist es nicht wahr, daß dies unter den Nationaljuden der allergrößte Teil tut. Zweitens wenden sich auch manche nicht zionistische jüdische.Theologen anderen Berufen zu. Drittens hängt damit zusammen, daß die Aussicht zionistischer Rabbiner, dem Hungertode zu entgehen, in deutschen Gemeinden zurzeit nicht ganz so glänzend sein soll wie die Karriereaussicht anonymer Broschürenschreiber. Der Leser ahnt nach dem Vorangegangenen schon, daß der antizionistische Komitatschi diesmal im wesentlichen mit der jüdischen Religion und ihrer angeblichen Gefährdung durch den Zionismus operiert. Ich hätte das ja gleich sagen können. Aber eine kürzlich gemachte traurige Erfahrung bewog mich, in diesem auch körperlich gut geschulten Kreise den Leser erst vorsichtig zu trainieren, ehe ich mit dem Schönsten komme. Man höre also jetzt den Kern-„Gedanken“ der Broschüre: Der Zionismus gefährdet die jüdische Religion. Beweis: Gesetzt, es entstände ein jüdisches Gemeinwesen und nähme die jüdische Religion als Staatsreligion an oder räumte ihr auch nur die Rechte einer bevorzugten Religion ein, „so würde das angesichts der Tatsache, daß wir im Namen der Gerechtigkeit und Gleichberechtigung gegen den Begriff eines christlichen Staates erbittert und nachhaltig Widerspruch erheben, die Verleugnung unserer gesamten sittlichen Grundsätze bedeuten. Jeder Versuch nach dieser Richtung hin würde dieselbe sittliche Fäulnis verursachen, wie wir sie heute im Begriffe des Taufjudentums, der widerlichsten Ausdrucksform des Strebertums und der Heuchelei, haben. Ein solches autonomes Staatswesen würde mit all den sittlichen Mängeln behaftet sein, die wir in den anderen Staaten heute mit Entrüstung vorwerfen, und ein „Verein jüdischer Staatsbürger nichtjüdischen Glaubens“ müßte mit größter Berechtigung in seiner Entstehungsstunde gegründet werden.“ — Wenn man aber Gewissensfreiheit proklamieren würde, so könnten ja auch Atheisten und Andersgläubige dort leben und wirken! „Und was hätte die große Masse der Juden, die Jahrtausende lang wegen ihres Glaubens gelitten haben, für ein Interesse daran, als Kristallisationspunkt ihrer gesamten Freiheitsbewegung ein Gemeinwesen zu haben, in dem sich die R'eligionsfeindschaft breit machen darf, in dem man ohne Scheu sich zu jenen Religionen bekennen darf, die das Judentum so entsetzlich gequält, verfolgt und gehaßt haben und trotzdem von Rechts wegen die Geschichte einer jüdischen Gemeinschaft mitbestimmen... Diesem Ideal auch nur einen Pfennig an Geld, eine Atembewegung an Kraft zu opfern, würde für die Judenheit fast Selbst^ mordversuch bedeuten.“ Gegen dieses tolle Gedanken-Katze und Mausspiel (bei dem sich noch dazu beide Tierchen zwischendurch selbst in den Schwanz beißen!) auch nur ein Wort zu sagen, wäre lächerlich. Nur ins Ohr flüstern wollen wir Herrn Anonymus, daß er sich hüten soll. Wenn ein deutscher Nichtfude seine Worte läse, so könnte er sich am Ende doch fragen, wie verhaßt und widerlich dem Verfasser erst das Land sein muß, in dem er gegenwärtig