Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Journal
- Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Volume
- 14 (1913)
- Issue
- 7 (Oktober/November 1913)
- Date
- 1913-10-01
- Page
- Seite 210 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/6492379-5965024-5965361--248-4922433- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
210 No. 7 Beispielen wiederzuerkennen. Trotzdem sind auch wir, die wir unseren, germanischen Mitbürgern ohne Illusion aber mit Verständnis gegenüberstehen, erstaunt und fast erschüttert, wenn wir sehen, mit welch elementarer Heftigkeit in einem — bisher paritätischen — Verbände eine lange unterdrückte Judengegnerschaft hervorbricht. Und gerade die, die den nationalen Antisemitismus deutscher Kulturverbesserei nicht prüfungslos als moralische Verirrung abzutun pflegen, werden es kaum begreifen, daß diese Gegnerschaft in so ungewöhnlich niedrigen und abgeschmackten Gemeinheiten ihren Ausdruck findet. Man lese das Oktoberheft der Wandervogel-Führerzeitung, einer im wesentlichen für Führer bestimmten Monatsschrift *). ln Heft Nr. 8 der Zeitschrift hatte ein Dr. Wilker das — aus dem „Berliner Tageblatt“ bekannte — Verhalten der Zittauer Ortsgruppe als „unklug" getadelt, die einem jüdischen Mädchen die Aufnahme verwehrt hatte. Gegen ihn wenden sich die Mitarbeiter des Oktoberheftes, und wie sie es meinen, soll hier an einzelnen Proben gezeigt werden. Einen entschiedenen Ton schlägt z. B. Max Zeppner aus Frankfurt' a. Oder an. Er schreibt: „Lieber Fritze! Wir sind weder ein Ablagerungsplatz für alte Stiefel, die ehemals auf Plattbeinen gesessen haben und nach Knoblauch stinken, noch ist der Wandervogel ein Spekulationsobjekt für Judenunternehmungen. Du weißt jetzt meine Meinung darüber. Ich weiß, daß der Jude, wenn er merkt, daß er irgendwo nicht geduldet werden soll, in hellen Mengen seine Regimenter aufstellt, aber wir werden ihn durchfechten den Kampf. Der Wandervogel ist deutsch und bleibt deutsch. Und dabei bleibt es. Ich bitte dich, in die nächste Führerzeitung zu setzen: die Judenfrage ist für uns Deutsche: Die Reformbewegung.“ Karl F r i e b u s, ebenfalls aus Frankfurt a. O., äußert seine Ansicht in Aphorismen mit der Ueberschrift: „Nu wenn schon!“ „Im Balkankriege ist es vorgekommen, daß der Jude Abrahamson eine Fahne erobert hat. Man interviewte den Helden. „Gott, ich hab’ sie gefunden, die Fahne, hätt’ ich se nicht genommen, hätt’ se genommen e anderer!“ Später wird man den Enkeln berichten: Der Großvater hat an den Feldzügen teilgenommen, durch die das Reich erst geschaffen worden.“ „Die nächste Gründung heißt: „Nu wenn schon“ oder „Der gesunde Wandervogel“. Motto: Kehre wieder Otto, alles ist verziehen! Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig rausgegrault seid! — Immer rein, immer rein, immer rein-mir is ja schon alles egal — es hängt ja rein gar nichts davon ab. Nebbich — deutsch oder nicht deutsch, klug oder unklug — was ich mir dafür koofe. — Nu wenn schon!“ *) Wandervogel - liihrerzeilung, Heft Nr. 11, Verlag Erich Matthes, Leipzig. Preis 0,35 Mk.