Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Journal
- Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Volume
- 14 (1913)
- Issue
- 7 (Oktober/November 1913)
- Date
- 1913-10-01
- Page
- Seite 209 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/6492379-5965024-5965361--247-4922432- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
No. 7 209 ihren charakteristischen Trachten ins Freie ziehen, „Wandervögel“ sind. Von seiner Bedeutung mögen zunächst Zahlen eine Vorstellung geben. Im Jahre 1911 umfaßte der Bund 18 000 Wandervögel, d. h. Schüler höherer Schulen, und wenn er das Tempo seiner Entwicklung seit dem Jahre 1902 (als es in Deutschland nur 150 Wandervögel gab) ungefähr beibehalten hat, so mag ihre Zahl heute auf 35000 bis 40 000 angewachsen sein. Im Jahre 1911 veranstaltete der Bund 16 000 Fahrten mit 171 000 Teilnehmern an 262 000 Wandertagen. Man sieht, daß der Wandervogel, von der Regierung und — nach anfänglichem' Sträuben — auch von den Schulen liebevoll gefördert, Bewegung in die deutsche Jugend gebracht hat, und wenn heute in seiner Literatur viel von dem „Wandervogelgeist“, als einer spezifischen, neuen, idealistischen Geistesrichtung deutscher Schüler die Rede ist, so ist dieses Wort nicht mehr ganz ohne Inhalt. Diesem Geiste sind aber — bei aller Verschiedenheit in technischen Fragen — viele deutsche Jugendverbände nahe verwandt, vor allem die „Pfadfinder“ und andere Gruppen des Jungdeutschlandbundes und viele freie Wandergruppen, die nach „Wandervogelart wandern“. Heute ist der Wandervogel bereits mehr eine Bewegung als ein Verein, und man kann seine Bedeutung für die deutsche Jugenderziehung in Zahlen nur unvollkommen ausdrücken. Das alles mußte zur allgemeinen Orientierung vorausgeschickt werden. Es muß auch noch gesagt werden, daß der Wandervogel nach der Bundessatzung „politisch und religiös neutral“ ist, und daß gegenwärtig eine sehr große Zahl Jüdischer Schüler in ihm und den verwandten Verbänden organisiert ist. Wie fest man auf seine Neutralität baute, bezeugen am besten die Juden, die ihre Kinder auf seine Wanderfahrten schickten, und andere, die sogar als Ortsgruppenleiter und Führer in ihm tätig waren. Und nun ist es plötzlich anders gekommen! Wer die Entwicklung des Wandervogels in der letzten Zeit verfolgte, ahnte es, und wirklich wurde in der jungen jüdischen Schülerwanderbewegung der Zusammenbruch der Wandervogelneutralität schon vor einem Jahre prophezeit. Man sah deutlich, daß die Entwicklung immer mehr zu einer Betonung des Deutsch- Nationalen führte, — wobei der Begriff „Deutschnational“, nicht in dem, von den Führern der Bewegung am meisten verachteten und bespöttelten, Parteipolitischen, offiziell-patriotischen Sinne, sondern in völkischer und kultureller Bedeutung zu verstehen ist. Während der Bund anfangs das Wandern an sich mit allgemein pädagogischer, sittlicher und künstlerischer Motivierung pflegte, erwuchs in den letzten Jahren das „deutsche Jugendwandern“. Aus dem „Wandervogelgeist“ wurde der „echte deutsche Wandervogelgeist“, und das Programm der schlichten Wanderei wurde um Sonnenwendfeste, Johannisfeuer und germanische Volkstänze bereichert. Die literarische Kultivierung der stammestümlichen deutschen Mundarten und die immer weiter fortschreitende Belebung des alten, deutschen Volksliedes mögen in der gleichen Richtung gewirkt haben. Jetzt ist der Wandervogel bewußt kulturdeutsch und deutschvölkisch, und nun ist er seiner Juden überdrüssig. Es lohnte sich, die Vorgeschichte etwas genauer zu schildern. Es ist für uns immer nützlich, das historische Gesetz, das Typische und Notwendige dieser wohl vertrauten Entwicklungstendenzen an neuen