Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Journal
- Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Volume
- 14 (1913)
- Issue
- 7 (Oktober/November 1913)
- Date
- 1913-10-01
- Page
- Seite 200 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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200 No. 7 ihnen geleistet. Die zionistische Stimmung wird vor allem dadurch hervorgerufen, daß wir sehen, wie Tausende von Gesinnungsgenossen sich zusammengefunden haben, um länger als eine Woche nur Juden zu sein, wie Tausende von Gesinnungsgenossen ihren Beruf und ihre Geschäfte verlassen haben, um sich jüdisch ausleben zu können. Indem der Kongreß so Tausende von Juden als Zionisten zusammenführt, stellt er bereits eine (Jeberwindung des Golus dar. Denn wenn wir uns auch noch nicht auf eigenem Boden zusammenfinden, so sehen wir doch auf dem Kongresse mit unseren Augen, daß das jüdische Volk sich aus der Zerstreuung gesammelt hat zum Marsche ins eigene Land. Diese Stimmung ist, wie bereits gesagt, unabhängig von den Kongreßverhandlungen. Aber durch zwei Momente wurde diesmal das Gefühl, daß das jüdische Volk erwacht und auf dem Wege ins eigene Land sich befindet, noch verstärkt, und zwar durch die erhöhte Bedeutung, die einmal die hebräische Sprache und ferner die Palästinenser auf diesem Kongresse sich errungen haben. Viele von uns standen bisher der hebräischen Sprachbewegung in den Golusländern skeptisch gegenüber. Da kamen unsere Palästinawanderer zurück und erzählten, welch klägliche Rolle man ohne Kenntnis der hebräischen Sprache in unserem Lande spielt. Jetzt zeigte uns dieser Kongreß, wie das Hebräische tatsächlich mehr und mehr an Boden gewinnt. Wir, die wir des Hebräischen nicht mächtig sind, konnten einem erheblichen Teil der Kongreßverhandlungen nicht folgen, und wir hatten z. B. bei der kraftvoll vorgetragenen Rede Ussischkins während der Generaldebatte den Eindruck, daß uns unsere Unkenntnis um einen hohen Genuß gebracht habe. Ich glaube, nicht wenige von uns sind vom Kongreß gefahren mit dem festen Entschluß, jetzt Ernst zu machen mit dem Erlernen der hebräischen Sprache, da wir sonst befürchten müssen, den Zusammenhang mit dem zionistischen Leben zu verlieren. Und nicht nur unsere Sprache, auch unser Land zeigte aui dem Kongreß seine verjüngte Lebenskraft: 33 Delegierte und ebensoviele Gäste aus Palästina waren als Vertreter unseres Heimatlandes erschienen, ein erheblicher Prozentsatz, und ihre Zahl wird wachsen, und mehr und mehr werden die Palästinenser auf die Verhandlungen des Kongresses Einfluß gß' winnen. In entsprechender Steigerung wird damit der Kongreß das Bild des Parlamentes eines normalen, auf seinem Boden ansässigen Volkes bieten. Wir aber, des Hebräischen unkundig, aus dem Golus herbeigeeilt, hatten ein seltsam demütig-stolzes Gefühl- Mit Stolz erfüllte uns der Anblick unseres zu neuem Leben erwachten alten Volkes, aber voll Demut mußten wir anerkennen, daß wir selber nur versprengte Teile dieses Volkes sind. Was die Verhandlungen selbst betrifft, so kann sich jeder durch die Lektüre der „Welt" über ihren Gang unterrichten, so daß ich mich auf eine Würdigung der Ergebnisse beschränken kann. Man mag über die Ergebnisse im einzelnen denken wie man will — die Parteirichtung innerhalb des Zionismus, die hier auszuschalten ist, wird dabei das Urteil beeinflussen —, jedenfalls muß meines Erachtens von diesem Kongresse eine Welle der Beruhigung ausgehen. Man hatte in den letzten Jahren hier und da davon gehört, daß der von Herzl geschaffene politische Zionismus in Gefahr sei, mehr und mehr durch eine unpolitische und unbesonnene Kolonisationsbewegung ohne hohen Schwung und ohne